9 Augmented Humanity-Technologien, die Wirtschaft und Gesellschaft auf den Kopf stellen werden

von Katja Schmalen

In Zukunft werden die menschlichen Fähigkeiten durch eine Mischung aus etablierten, aufstrebenden und Nano-Technologien erweitert werden. Da sich die Technologie schnell weiterentwickelt, werden wir zunehmend über “Augmented Humanity” sprechen. Die Notwendigkeit, menschliche Fähigkeiten zu erweitern oder die Interaktion zwischen Mensch und Maschine zu humanisieren, lenkt die Aufmerksamkeit auf Technologien wie Exoskelette, einnehmbare, implantierbare und injizierbare Technologien, Biometrie, Gehirn-Computer-Schnittstellen, Affective Computing, Wearables, Augmented und Virtual Reality (ARVR) und Smart Devices.

Augmented Humanity schafft eine Interaktion zwischen der digitalen und der physischen Welt, die es “technologisch befähigten Menschen” ermöglicht, ihr volles Potenzial zu entfalten und Leistungen zu erbringen, die sie ohne Technologie nicht erreichen könnten. Man denke nur daran, wie Exoskelette Arbeiter beim Heben von Gewichten in Fertigungsanlagen unterstützen, wie AR-fähige Smart Glasses die Fernwartung von Anlagen in der COVID-19-Ära ermöglichten oder wie das gesamte Spektrum der Augmented Humanity-Technologien Einzelpersonen dabei hilft, Barrierefreiheit zu erreichen.

Augmented Humanity

Der Markt für Augmented Humanity wird bis Ende 2021 ein Volumen von über 70 Milliarden US-Dollar haben und in den nächsten Jahren stetig wachsen, da immer neue Anforderungen des Marktes die Nachfrage nach immer neuen Anwendungsfällen vorantreiben. Dies ist eine riesige Chance sowohl für etablierte als auch für aufstrebende Technologieanbieter, die als Vermittler zwischen Technologie und Mensch auftreten und Innovationen ermöglichen wollen. In den kommenden Jahren werden sowohl die Gesllschaft als auch die Unternehmen auf disruptive Technologien setzen, um die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und interagieren, zu  transformieren.

AR und VR werden die klassische Mental Health Industrie revolutionieren

ARVR ermöglicht es Fachleuten im Bereich der psychischen Gesundheit bereits, ihren Patienten ein immersives Erlebnis zu bieten. Laut dem ARVR Spending Guide wird die Gesundheitsbranche im Jahr 2021 fast 120 Millionen US-Dollar investieren, um innovative Wege für die Patientenversorgung zu finden.

Virtual Reality wird das nächste große Ding im Bereich Mental Health sein, da die Technologie es Fachleuten ermöglicht, neue Erkenntnisse über die kognitiven Funktionen des Menschen zu gewinnen und gleichzeitig Medizinern und Therapeuten zu besseren Behandlungen und Ergebnissen verhelfen kann. Mit der zunehmenden Akzeptanz und Zugänglichkeit der Technologie werden Menschen, denen es an Zeit oder finanziellen Ressourcen mangelt, VR für Selbsttherapien und personalisierte Behandlungen der mentalen Gesundheit nutzen, die zu Hause durchgeführt werden.

Psious etwa entwickelt VR-Software, die virtuelle Umgebungen mit sensorischer Stimulation und individuell gestalteten Situationen bereitstellt, um Ärzte und Therapeuten bei der Behandlung von Angststörungen zu unterstützen. Durch die Untersuchung traditioneller kognitiver Theorien nutzt Psious VR, um Gesundheitsexperten die Möglichkeit zu geben, die psychologischen Erfahrungen der Patienten aus der Beobachtung aus erster Hand neu zu lernen und kognitive Barrieren in den Griff zu bekommen.

Exoskelette erweitern die Arbeitskräfte der Zukunft um eine robotisierte Ebene

Exoskelette ermöglichen die nächste Generation der Augmentation menschlicher Fähigkeiten und bieten passive mechanische Unterstützung für Mitarbeiter, die in Branchen arbeiten, in denen schweres Heben erforderlich ist. Obwohl wir nicht damit rechnen, dass in absehbarer Zeit kosteneffiziente Exoskelette im großen Stil eingesetzt werden, sind Branchen wie die Automobil- und Transportindustrie bereits vereinzelt dabei, ihre Mitarbeiter mit Exoskeletten auszustatten, um die Produktivität und Sicherheit der Mitarbeiter zu erhöhen, die Anzahl der Arbeitsunfälle im Betrieb zu senken und die Fertigungs- und Produktionsprozesse zu beschleunigen.

Ford beispielweise ist eine Partnerschaft mit Ekso Bionics eingegangen und hat 75 EksoVest Exoskelette für den Oberkörper eingeführt, um die Mitarbeiter in mehr als einem Dutzend Automobilwerken weltweit zu unterstützen, die Verletzungsrate am Arbeitsplatz zu senken und die Arbeitsqualität der Beschäftigten zu verbessern.

Wearables werden die technologische Umsetzung des “Quantified-Self”-Trends sein

Smarte Wearables haben das “Quantified-Self”-Phänomen ermöglicht, bei dem Endverbraucher und Technologiehersteller ein gemeinsames Interesse an der Entdeckung des eigenen Selbst durch Datenerfassung haben. Smarte Uhren, die Herzfrequenz, Blutsauerstoff- und Blutzuckerspiegel über Infrarotsensorik überwachen, werden immer häufiger bei Verbrauchern zu sehen sein. Auch smarte Brillen, die Daten verarbeiten und Informationen holografisch visualisieren, werden einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage erfahren. Das alles passiert bereits heute, um Anwendungsfälle für die Remote Workforce Transformation als Reaktion auf die COVID-19-Krise zu ermöglichen.

Oura erhielt vor kurzem eine Finanzierung in Höhe von 100 Millionen US-Dollar, durch die das Unternehmen Partnerschaften unter anderem mit der NBA, WNBA, UFC und NASCAR einging. Die Wearable-Industrie wandelt Aktivitäts-Tracker in Gesundheitsplattformen um. Durch die Quantifizierung unseres Schlafverhaltens leitet der Ring von Oura umsetzbare Erkenntnisse zur Verbesserung der Gesundheit durch Datafizierung ein, die Krankheiten im Zusammenhang mit Diabetes, Herzerkrankungen oder Alzheimer vermeiden können.

Brain-Computer-Interfaces greifen in die Hirnaktivität ein und unterstützen menschliche Funktionen

BCI ist ein Kommunikationsweg zwischen dem Gehirn und einem externen Gerät. Es übersetzt die menschliche Gehirnaktivität über neuronale Befehle in eine externe Aktion und ermöglicht es dem Menschen, Maschinen ohne die physischen Einschränkungen des Körpers zu steuern, indem er einfach seine Gedanken einsetzt.

BCI kann helfen, Funktionseinschränkungen bei Menschen mit Krankheiten wie Störungen des motorischen Systems, intellektuellen Entwicklungsstörungen, Gedächtnisverlust und Mobilitätsdefiziten wiederherzustellen. In Zukunft könnten Amputierte hochentwickelte Prothesen direkt steuern und Menschen mit Bewegungseinschränkungen könnten die Integration zwischen Exoskeletten und BCI nutzen, um ihre Bewegungsfunktionen wiederherzustellen.

BitBrain hat sich mit Nissan im Projekt Brain-to-Vehicle (B2V) zusammengetan und verbindet das Gehirn des Fahrers mit dem Fahrzeug, um ein sicheres Fahrerlebnis zu schaffen. Nissan fand heraus, dass BCI die Reaktionszeit des Fahrers beim Bremsen vorhersagen kann und dass es möglich ist, die Bremsen 0,4-1 Sekunden zu aktivieren, bevor die Muskeln des Fahrers den Befehl des Gehirns ausführen. Bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h führt dies zu einem um 27 Meter kürzeren Bremsweg, was einen Unterschied bei der Vermeidung von Autounfällen ausmachen kann.

Affective Computing wird maßgeschneiderte, personalisierte und Echtzeit-Kundenerlebnisse ermöglichen

In Zukunft werden Unternehmen verstärkt in das bessere Verständnis menschlicher Emotionen investieren, die in Stimmen, Gesichtern, Texten und anderen Verhaltensweisen zum Ausdruck kommen, um Personen auf extrem personalisierte Weise anzusprechen. Im Gegensatz zu künstlicher Intelligenz ist Affective Computing noch nicht weit verbreitet.

Künftig werden jedoch Plattformen, die in der Lage sind, die emotionalen Zustände von Nutzern zu erkennen und darauf zu reagieren, eingesetzt werden, um das Erlebnis und die Sicherheit in der Automobilindustrie zu verbessern, das Einkaufserlebnis im Einzelhandel zu optimieren, Betrug im Bank- oder Versicherungswesen zu erkennen, Echtzeitdiagnosen im Gesundheitswesen zu erstellen oder die Effektivität von Studenten im Bildungswesen zu messen.

BMW hat mit Affectiva zusammengearbeitet, um das emotionale Erlebnis in der Fahrerkabine zu untersuchen und zu verstehen, wie Automobilunternehmen erkennen können, ob der Fahrer gerade einschläft oder aufmerksam ist. Affectiva hilft Automobilherstellern, die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen und das Fahrerlebnis zu verbessern, indem sie Einblicke in die Interaktionen der Fahrer erhalten und den Grad der Schläfrigkeit, Ablenkung und Wut der Fahrer erkennen.

Biometrie wird Passwörter, PIN-Codes und Zugangsausweise ersetzen

Biometrie ist kein ganz neues Phänomen. Polizei und Sicherheitsdienstleister in öffentlichen Einrichtungen wie Hotels, Casinos und Flughäfen verlassen sich schon etwas länger auf die Gesichtserkennung, um Personen zu identifizieren. Viele Banken machen einen großen Schritt in Richtung biometrisches Banking, indem sie die Stimmerkennung einführen, um Kunden eine sichere und schnelle Authentifizierung zu ermöglichen. Neue biometriegestützte Anwendungsfälle werden zunehmen und sich auf unsere physischen und verhaltensbezogenen Merkmale stützen.

Wir werden uns künftig weniger auf Türschlüssel, PIN-Codes, Passwörter und Ausweise verlassen und stattdessen Fingerabdrücke, Gesichts- und Stimmerkennung, Iris-Scans oder etwa die Form unser Hand nutzen, um uns zu authentifizieren und auf Dienste zuzugreifen.

Die Tatra Bank nutzt die Stimmbiometrie, um die Zeit für die Kundenauthentifizierung um 66 % zu reduzieren, ohne die Sicherheit zu beeinträchtigen. 75.000 Kunden (10 % des aktiven Kundenstamms der Bank) registrierten ihren Stimmabdruck innerhalb von sechs Wochen und diese Zahl hat sich innerhalb der ersten 12 Monate nach der Implementierung auf 170.000 Kunden mehr als verdoppelt.

Kapselkameras werden invasive Untersuchungen im Krankenhaus in eine medizinische Versorgung zu Hause verwandeln

Einnehmbare Technologie wird die Gesundheitsversorgung transformieren, und obwohl die Zustimmung der medizinischen Gremien und die allgemeine Skepsis zu den größten Hindernissen für die Akzeptanz gehören, erproben Krankenhäuser bereits Kapselkameras, um Endoskopien durch weniger invasive Techniken zu ersetzen.

Durch das Schlucken einer Kapselkamera können die Patienten ihrem normalen Tagesablauf nachgehen und Routineuntersuchungen von zu Hause aus wahrnehmen. Die bildgebende Technologie liefert innerhalb von Stunden eine Diagnose und trägt dazu bei, den Stress für die Patienten zu verringern. Gleichzeitig wird so der Druck auf das Gesundheitswesen reduziert, indem eine technologiegetriebene Disruption und transformative Alternativen zu den traditionellen medizinischen Screenings erfolgt.

Eine beispiellose Kapselkamera-Studie mit 11.000 Patienten findet gerade in England statt. Die Patienten werden die von Medtronic bereitgestellte Pillcam Colon 2-Technologie testen, die traditionelle Endoskopien ersetzen und invasive Untersuchungen im Krankenhaus in medizinische Behandlungen zu Hause verwandeln soll.

Implantierbare medizinische Geräte werden vernetzte, um den sich elbsst überwachenden Menschen zu schaffen

Die Nutzung injizierbarer Technologien durch Verbraucher wird es den Menschen ermöglichen, Social-Media-Anwendungen zu starten, Alarme und digitale Sicherheitssysteme für das Smart Home einzustellen oder Zugtickets zu speichern. Der Einsatz von injizierbaren Technologien im Consumer-Bereich hingegen wird eher ein Hype bleiben, da sie invasiv sind und durch ähnliche und weniger invasive biometrisch getriebene Anwendungsfälle ersetzt werden können.

Andererseits werden implantierbare und injizierbare medizinische Geräte wie Bluetooth-fähige Lösungen zur kontinuierlichen Blutzuckermessung schnell in der Fläche zu sehen sein und Patienten dabei helfen, ihre Therapie durch ständige Kommunikation über mobile Anwendungen zu optimieren und gleichzeitig die richtige Medikamentierung zu garantieren.

Tausende von schwedischen Bürgern nutzen bereits Mikrochip-Implantate, um sich Zugang zu Einrichtungen zu verschaffen, ihre Identität zu bestätigen oder Zahlungen zu tätigen. Die nationale Bahngesellschaft SCA hat bereits 2.600 Menschen dazu gebracht, Mikrochips anstelle von Zugtickets zu verwenden.

Intelligente Geräte der Zukunft werden zusammenarbeiten, um autonome Erfahrungen zu liefern

Laut IDC werden Smart Home-Geräte bis 2025 einen 75 Milliarden Dollar schweren Markt in Europa ausmachen. Mit dem wachsenden Bewusstsein der Verbraucher für Bequemlichkeit sowie Kosten- und Energieeffizienz, die smarte Geräte bieten, gewinnen diese Devices stark an Zugkraft, insbesondere mit dem Aufkommen von 5G.

Der Weg zur vollständigen Integration verschiedener smarter Geräte ist lang, aber in Zukunft werden wir die Integration zwischen smarten Geräten nutzen, um autonome Erlebnisse zu schaffen, die uns im Privat- und Arbeitsleben unterstützen.

Eines der wohl beliebtesten smarten Geräte ist Alexa. Mit einem einfachen Sprachbefehl ermöglicht Alexa Skills in den Bereichen Connected Cars, Essen und Trinken, Reisen und Transport, Musik und Audio sowie Smart Home. Dadurch wird nicht nur ein Fuß in der Tür für die Bequemlichkeit der Endbenutzer gesetzt, sondern es hilft auch dem Einzelnen, mehr Autonomie zu haben und auf verschiedene funktionale Bedürfnisse zu reagieren.

Die Autoren dieses Artikels sind die IDC Analysten Andrea Minonne und Kayla Lam.

 


 

Andrea Minonne ist Senior Research Analyst im IDC Customer Insights & Analysis Team in Europa. Er arbeitet maßgeblich an IDCs Spending Guide Portfolio, einschließlich der Spending Guides für künstliche Intelligenz, Big Data und Analytics, IT-Industrie und Unternehmensgröße. Außerdem leitet er das Augmented Humanity Launchpad und analysiert, wie Technologien wie AR/VR, Wearables, Exoskelette, Smart Pills, Injectables/Implantables, Biometrie, Brain Computer Interfaces, Affective Computing und Smart Peripherals die menschlichen Fähigkeiten am Arbeitsplatz und im Alltag erweitern.

Kyla Lam ist Research-Analystin bei IDC mit Sitz in London. Sie untersucht die AR/VR- und Wearables-Märkte in Westeuropa und führt quantitative und qualitative Analysen zu wichtigen Trends, Vendor Performances und Prognosen durch.

Kyla hat einen Bachelor-Abschluss in Digitaler Kultur vom King’s College London. Während ihrer akademischen Laufbahn sammelte sie auch wertvolle Erfahrungen bei einem Auslandsstudium in China. Neben Englisch spricht sie fliessend  Kantonesisch und Mandarin.

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