Auf dem Weg zum digitalisierten Mobilitätsdienstleister: ÖBB Konzern-CIO Marcus Frantz über die Rolle von KI

von Katja Schmalen

Wir haben uns mit Konzern-CIO Marcus Frantz über den Weg der ÖBB zum digitalisierten Mobilitätsdienstleister ausgetauscht und wollten wissen, welche Rolle Künstliche Intelligenz (KI) dabei spielt und warum es so wichtig für ein Unternehmen ist, sich ein eigenes Verständnis von KI aufzubauen.

Der ÖBB Konzern bringt nach eigenen Angaben jährlich knapp 460 Millionen Fahrgäste und 115 Millionen Tonnen Güter ans Ziel. Konzernweit sorgen dafür mehr als 41.000 MitarbeiterInnen bei Bahn und Bus dafür, dass täglich rund 1,3 Millionen Reisende in Österreich von A nach B kommen.

„Digitalisierung ist der notwendige kulturelle und technologische Wandel der Wertschöpfungsketten zur Realisierung des öffentlichen Auftrages und der davon abgeleiteten Konzernstrategie“, sagte Gerold Kathan, Manager bei ÖBB kürzlich bei einem Netzwerktreffen. Eine konzernweite Digitale Strategie und Transformation steht im ÖBB Konzern also ganz weit oben auf der Agenda, dabei lauten die drei Mantras “Simplify – connect – act“, wie man der Presse entnehmen konnte.

IDC: Bereits 2017 hat die ÖBB Digi@ttack gegründet, ein teilautonomes Team, das neue Technologien auf ihre Tauglichkeit für die Geschäftsfelder der ÖBB überprüfen soll. Wie schnitt Künstliche Intelligenz damals in der Bewertung ab und welchen Stellenwert hat KI heute im Unternehmen?

Marcus Frantz: Künstliche Intelligenz hatte aus unserer Sicht grundsätzlich das Potential die Zukunft der ÖBB positiv und nachhaltig zu beeinflussen. Wir sahen bei unseren ersten Verprobungen doch sehr deutlich, dass Anspruch und Wirklichkeit voneinander abweichen, d.h. die tatsächlich übertragbaren Anwendungsfälle noch gering waren. Diese Bild hat sich mittlerweile geändert und KI hat heute eine sehr klar ausformulierte Nutzen- und Einsatzorientierung bei uns.

Vor knapp zwei Jahren haben Sie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Koordination von Fahrplänen getestet. Ist der Plan aufgegangen, eine Künstliche Intelligenz dazu zu bringen, die Planung beispielsweise nach einem Zwischenfall neu zu koordinieren, um den Normalzustand schneller wiederherzustellen oder sind damit heute nach wie vor noch erfahrene Mitarbeiter betraut?

Frantz: Genau dieser Anwendungsfall war eines der Beispiele anhand derer wir gelernt haben, dass der Einsatz von künstlicher Intelligenz nicht so leicht vonstatten geht wie es manchmal gerne verkauft wird. Die Nachbildung dessen, was Menschen mit einem großen Erfahrungsschatz in sehr komplexen Situation leisten, ist nicht so einfach in mathematische Formeln, Algorithmen und selbstlernende Systeme zu verpacken. Das Kochrezept „man nehme eine Prise von der KI von dort und übertrage sie dorthin“ funktioniert in einfachen Anwendungsbereichen, aber nicht in so dynamischen Umfeldern wie der Neuplanung im Abweichungsfall. Daher haben wir auch heute noch nur punktuelle Unterstützung für die erfahrenen Experten.

Was genau versteht die ÖBB auf Konzernebene unter Künstlicher Intelligenz, berücksichtigt ihr Verständnis ggf. unterschiedliche Ausprägungen?

Frantz: Wir haben für uns im Konzern eine für uns passende Definition zu „Künstlicher Intelligenz“  ausgearbeitet. Wir verstehen hierunter Technologien, die wir für das  Lösen komplexer Fragestellungen in konkreten Domänen bzw. spezifischen Anwendungsfällen einsetzen können. Dabei werden diese Technologien in Systemen (Maschinen, Geräte, Software) implementiert um diese mit der Fähigkeit auszustatten,  Aufgaben oder Situationen auf eine vernünftige und sinnvolle Weise zu bearbeiten. Und natürlich unterscheiden wir hier zwischen unterschiedlichen Ausprägungen der KI, von schwacher KI (eine spezifische Domäne betreffend) über starke hin zu superintelligenter KI (wobei diese domänenübergreifend und nicht auf einen Funktionsbereich beschränkt sind). Wobei es für uns klar ist, dass wir derzeit nur von realistischen Einsatzmöglichkeiten von schwacher KI sprechen. Der Rest ist einfach noch nicht so weit entwickelt.

Gibt es ein Framework, das den Einsatz von KI bei der ÖBB manifestiert?

Frantz: Wir haben für uns in den ÖBB ein Framework für Informations- und Datenmanagement erarbeitet. Das besitzt konzernweite Gültigkeit und bildet den Rahmen sowie die Grundlage für unser Arbeiten. Zusätzlich verwenden wir unser „Haus der KI“, in dem wir die für uns zentralen Bausteine im Kontext der künstlichen Intelligenz ausformuliert haben.

KI ist ein weites Feld. Unterscheiden Sie im Konzern nach Use Cases, bei denen unterschiedliche Technologien eingesetzt werden?

Frantz: Aus unserer Überzeugung geht es gar nicht anders. Es gilt sich dem Thema immer über Use Cases anzunähern, da man ansonsten Gefahr läuft sich zu verzetteln und in alle Richtungen gleichzeitig läuft. Dafür ist das Thema zu komplex, dafür ist gerade auch der Umgang mit Daten eine zu wesentliche und viel zu breit aufgestellte Grundlage. Es geht um eine klare Vorstellung davon haben wo und wie KI sinnvoll eingesetzt werden könnte, für diese gibt es wiederum verschiedene Lösungsansätze, die es dann zu verproben gilt.

In welchen Bereichen ist für die ÖBB der Einsatz von KI besonders relevant? Können Sie konkrete Use Cases nennen?

Frantz: Die ÖBB haben eine Vielzahl von Herausforderungen vor sich, wenn wir für die Zukunft richtig und nachhaltig aufgestellt sein wollen. Es geht um Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit, die Optimierung der Kapazitäten und die Handhabung des Generationenwechsels. Hierfür gibt es natürlich verschiedenste Lösungsansätze. So ist für uns ein klar, dass wir uns auf Basis von Daten in Richtung „Condition-based Maintenance“ (CbM) und später in Richtung „Predicitive Maintenance“ (PM) entwickeln. Wir sprechen von der Auslastungsoptimierung unserer Ressourcen (sei es Personal, Fahrzeuge oder Material bzw. Werkstätten) anhand von Algorithmen. Wir reden von intelligenten Applikationen und damit verbundenen Automatisierungen in unseren Arbeitsprozessen, von Chatbots und bildverarbeitenden Systemen.

Gibt es KI-Themen, die besonders von Ihnen vorangetrieben werden?

Frantz: Wie bereits erwähnt, sehen wir gerade in der Entwicklung der Bereiche Automated Resource Planning sowie CbM/PM ganz wesentliche Chancen für die zukünftige Aufstellung in den ÖBB.

Welchen Stellenwert hat autonomes Fahren für den ÖBB, Stichwort fahrerlose Autobusse in Großstädten?

Frantz: Autonomes Fahren birgt einige Potentiale für die Zukunft, auch im Aufgabenspektrum der ÖBB. Da sind natürlich die Automated Train Operations (ATO), die jedoch einiges an Vorarbeiten bedürfen bis wir hier von einer weitreichenden Nutzung reden können. In Teilen ist das aber heute schon der Fall. Wir beteiligen uns über den Postbus an dem Piloten für den DigiBus, aber auch hier reden wir noch über längere Vorlaufzeiten, bis diese tatsächlich in den operativen Einsatz kommen. Das ist alles sehr komplex und dem Aspekt Sicherheit in einem dynamischen Fahrumfeld muss dabei naturgemäß sehr hohes Augenmerk geschenkt werden. Das ist also wirklich noch „Zukunftsmusik“ bis wir hier von einem flächendeckenden Einsatz reden können.

Sie sammeln Unmengen an Daten, beispielsweise durch Sensoren, die an Ihren Güterfahrzeugen angebracht sind und Ihnen wertvolle Informationen über den Zustand der Gleise geben. Wie gehen Sie mit dem Thema Daten- und Informationsmanagement um?

Frantz: Wir sind uns in den ÖBB der Bedeutung eines stringenten Informations- und Datenmanagements (IDM) bewusst. Aus diesem Grund wurde IDM bereits 2017 als zentraler Baustein in unserer Digitalen Geschäftsstrategie „Connected mobility“ für den Konzern verankert. Darauf aufbauend wurde für 2019 die Entwicklung einer Daten-Governance sowie eines Konzerndatenmodells in die persönlichen Ziele der Vorstände und Geschäftsführer der Konzerngesellschaften geschrieben. Das erzeugte den Push und die notwendige Zusammenarbeit auch zwischen den Gesellschaften. Hierbei ist neben dem Wert „Wir vor ich“ der Grundsatz „Information und Daten werden geteilt“, ein wesentliches Element unserer IDM-Strategie.

Bandbreite, Rechenleistung und Speicherkapazitäten sind Grundvoraussetzungen, ohne die die Digitalisierung nur bedingt vorankommt. Wie sehen Sie sich hier für die Zukunft aufgestellt?

Frantz: Grundsätzlich mal gut. In der Organisation wurde bereits einiges an Grundlagen geschaffen, unabhängig davon, dass wir jetzt von Digitalisierung reden. Connectivity, also die Anbindung an und in unsere System- und Betriebsumgebung ist essentiell für den Bahnbetrieb. Daher betreiben wir in Österreich auch unser eigenes Netz und erweitern es wo notwendig um die Kapazitäten externer Partner. Das gilt insbesondere für den Ausbau entlang der Strecken, wenn es um die flächendeckende Versorgung für unsere Kunden mit WLAN im Zug geht. Wir betreiben unsere eigenen Rechenzentren, erweitern diese aber wo sinnvoll um Kapazitäten aus der Cloud um die notwendige Flexibilität zu erreichen bzw. mit großen Datenmengen umzugehen.

Wie positioniert sich die ÖBB zu ethischen Aspekten der KI?

Frantz: Wir sehen und verstehen unsere Verantwortung für die Gesellschaft, unsere Kunden und unsere Mitarbeiter. Der Begriff „Barrierefreiheit“ hat bei uns im Hause in den verschiedensten Unternehmensbereichen eine sehr hohe Relevanz. Dieses Denken übertragen wir natürlich auch auf den Einsatz von neuen Technologien. So findet sich das Prinzip der Barrierefreiheit als eines unserer sechs Grundprinzipien für den Einsatz von KI-Technologien verankert.

Wie verändern sich die Jobanforderungen für die MitarbeiterInnen bei der ÖBB durch den Einsatz von KI?

Frantz: Das hängt sehr stark vom jeweiligen Unternehmensbereich ab. Unser Konzern ist sehr vielfältig. Sie finden bei uns Mitarbeiter bspw. in der Fläche, entlang der Strecke, in den Bahnhöfen, in den Immobilien, den Bauprojekten, den Werkstätten und den Bürogebäuden. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Jobprofile im Konzern. Fakt ist, es gibt Aufgaben, Jobfelder, die sind stärker vom Einsatz von KI betroffen als andere. So werden einige Mitarbeiter zukünftig durch KI in ihrem Arbeiten unterstützt. Andere wiederum werden komplexere Aufgaben übernehmen während die Routine- und repetitiven Tätigkeiten von der KI übernommen werden. Und es wird Mitarbeiter geben, die die KI trainieren, anleiten, ausbauen. Fakt ist, in sehr vielen Bereichen unseres Unternehmens werden sich Mitarbeiter in der einen oder anderen Form mit neuen Technologien auseinandersetzen, diese erlernen und anwenden müssen.

Wie gehen Sie mit eventuellen Vorbehalten Ihrer Mitarbeiter um, die gerade jetzt in der Krise u.U. Angst um ihre Arbeitsplätze haben? Wie nehmen Sie die Kollegen mit?

Frantz: Es geht nur durch das Abholen und aktive Einbinden der Mitarbeiter. Es geht um Kommunikation und das „Ernst nehmen“ der Bedenken und Bedürfnisse. Es wird sich viel ändern, wir als ÖBB werden uns verändern, an die neuen Gegebenheiten anpassen und sie auch aktiv mitgestalten. Auf diese Reise wollen und werden wir unsere Mitarbeiter mitnehmen. Wir zeigen auf was passiert, welche Möglichkeiten es gibt, wie neue Technologien Ihnen in ihrem täglichen Arbeiten helfen können. Und wir nehmen sie mit, indem wir ihnen passende, weitergehende Ausbildungen zur Verfügung stellen, so dass sie den Anforderungen des veränderten Arbeitsumfeldes gerecht werden können.

Wie digital ist die ÖBB heute und wie digital will sie in fünf Jahren sein?

Frantz: Das lässt sich schwer sagen und messen. Dafür ist der Konzern, wie bereits erwähnt, zu vielschichtig und unterschiedlich. Vor allem, wo fängt Digitalisierung an, wo hört sie auf, wie weit kann sie gehen? Das ist in jedem Unternehmen, in jeder Industrie anders. Es wird immer so sein, dass es bei den ÖBB Bereiche gibt die sich nicht einfach digitalisieren lassen. Wir haben daher in unserer Digitalen Geschäftsstrategie gezielt KPIs definiert, anhand derer wir den Fortschritt der Umsetzung messen. Wir sagen nicht, wir wollen zu 60% digital sein, oder zu 80%. Wir zielen stattdessen auf ganz spezifische Geschäftsbeiträge ab. Darunter fallen bspw. die digitalen Zwillinge in ganz spezifischen Unternehmensbereichen, über die wir dann das (in Teilbereichen weiterhin analog funktionierende) Tagesgeschäft in Echtzeit steuern können. Wichtig ist, wir werden den Einsatz der neuen Technologien dort vorantreiben, wo es für uns wirtschaftlich und operativ sinnvoll ist. Und nur dort. Es geht nicht um Digitalisierung um der Digitalisierung willen.

Wir danken Ihnen für den spannenden Austausch, Herr Frantz.

 


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