IDC Experte Phil Carter: Die Auswirkungen des Krieges zwischen Russland und der Ukraine auf die globalen ICT-Märkte

von Katja Schmalen

Ein neuer Bericht von IDC liefert eine erste Einschätzung der Auswirkungen des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine auf die weltweiten IKT-Ausgaben und -Märkte

Der aktuelle Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat einen kritischen geopolitischen Wendepunkt für Europa und die Welt markiert. Während noch Ungewissheit über die Dauer des Krieges, unvorhergesehene Entwicklungen und neue Sanktionen herrscht, muss die Technologiebranche auf diese sich entwickelnde Situation mit kurz- und langfristiger Planung reagieren, um die Spillover-Effekte auf ihre Volkswirtschaften und digitalen Märkte zu minimieren.

Die kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen des Russland-Ukraine-Konflikts auf den globalen IKT-Markt

Die sich wandelnde geopolitische Lage wird die weltweite IKT-Nachfrage in den kommenden Monaten und Jahren beeinflussen. Laut einer neuen IDC Global CIO Quick Pulse Survey, an der mehr als 60 Technologieführer aus der ganzen Welt teilnahmen, geben 57% der Befragten an, dass sie ihre Pläne für Technologieausgaben für 2022 aufgrund der unsicheren geopolitischen Lage neu bewerten, wobei 10% starke Anpassungen ihrer IKT-Investitionspläne erwarten.

Phil Carter von IDC zu den Auswirkungen des Ukraine Russland Krieges auf die ITK Märkte“Angesichts des dynamischen Charakters des Konflikts empfiehlt IDC den Unternehmen, schwache Glieder in ihrem Wertschöpfungsketten-Ökosystem zu identifizieren, agile Lieferkettenstrategien zu entwickeln und Aktionspläne zu erstellen, die es ihnen ermöglichen, eine Reihe von disruptiven Marktbewegungen zu antizipieren und darauf zu reagieren”, sagt Philip Carter, Group Vice President, Worldwide Thought Leadership Research.

IDC wertet die geopolitische Situation und ihre Auswirkungen auf den IKT-Markt mit Hilfe ihres großen Netzwerks von globalen, regionalen und lokalen Analysten sorgfältig aus.  In Anbetracht der Merkmale des Konflikts und der derzeit geltenden Sanktionen haben wir die folgenden wesentlichen Auswirkungen auf den globalen IKT-Markt identifiziert:

Schwankende Tech-Nachfrage

Der Konflikt hat den Geschäftsbetrieb in der Ukraine zum Erliegen gebracht, während die Wirtschaft in Russland die ersten Auswirkungen der westlichen Sanktionen zu spüren bekommt. Dies wird sich stark auf die Technologieausgaben in beiden Ländern auswirken, wobei für 2022 ein zweistelliger Rückgang der lokalen Marktnachfrage erwartet wird. In der Zwischenzeit könnten die Technologieausgaben in den westeuropäischen Ländern zum Teil aufgrund der höheren Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit steigen.

Energiepreise und Inflationsdruck

Die Spannungen im Zusammenhang mit dem Konflikt in der Ukraine werden weitreichende Folgen sowohl für die Energiepreise als auch für die Versorgungssicherheit haben, insbesondere für bestimmte europäische Länder, in denen bereits Kaskadeneffekte auf die Preisindizes zu verzeichnen sind. Die meisten Länder werden ihre kurzfristigen Energiepläne rasch überdenken und gleichzeitig ihre Bemühungen zur Verringerung ihrer Abhängigkeit von Energiequellen auf CO2-Basis verstärken müssen.

Verlagerung von Fachkräften und Infrastruktur

Mehr als 100 globale Unternehmen haben Tochtergesellschaften in der Ukraine gegründet, und viele weitere haben Niederlassungen in Russland. Der Konflikt hat bereits Zehntausende von Entwicklern aus der Ukraine vertrieben und zur Abwanderung einiger Dienstleistungen in beiden Ländern geführt. Diese Beziehungen sowie die mit ihnen verbundenen Sachanlagen und Mitarbeiter und alle künftigen Expansionspläne müssen angesichts des Konflikts neu bewertet werden.

Verfügbarkeit von Bargeld und Krediten

Die bisher verhängten finanziellen Sanktionen stellen eine ernsthafte Herausforderung für die Verfügbarkeit ausländischer Kredite in Russland dar und führen gleichzeitig zu potenziellen Verlusten bei Krediten, die von EU-Ländern an Russland vergeben werden. Ohne Zugang zu Krediten werden die meisten Unternehmen gezwungen sein, Investitionen in neue Technologien in nächster Zeit auszusetzen. Außerdem leidet das Land unter einer erheblichen Bargeldknappheit, was die Ausgaben der Verbraucher erheblich beeinträchtigt.

Dynamik der Lieferkette

Die Exporte von Produkten und Technologiekomponenten nach Russland werden von den Sanktionen erheblich betroffen sein, die Auswirkungen auf westliche Unternehmen werden jedoch angesichts der Größe des Marktes relativ gering sein. Die Einfuhren von technischen Materialien aus Russland und der Ukraine werden ebenfalls betroffen sein, insbesondere im Halbleitersektor, wo die Lieferungen von Neongas, Palladium und C4F6, die in der Chipfertigung verwendet werden, stark zurückgehen werden. Es wird erwartet, dass der Konflikt die globalen Lieferketten weiter stören wird, da der Güterverkehr um die beiden Länder umgeleitet wird und die Kosten steigen.

Wechselkursschwankungen

Als Reaktion auf die ersten Sanktionen verlor die russische Währung an Wert, was die Einfuhr von IT-Ausrüstung und -Dienstleistungen erheblich verteuerte. Infolgedessen weigern sich viele Unternehmen, Bestellungen nach Russland zu liefern, selbst wenn sie bezahlt werden können. Dies bedeutet auch, dass Russlands eigene Hersteller von PCs, Servern und Kommunikationsausrüstung nicht mehr produzieren können. Die geopolitischen Spannungen wirken sich auch auf andere Währungen in der Region aus, darunter auch auf den Euro.

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 und die darauf folgende Eskalation der Ereignisse entwickeln sich täglich weiter. IDC Market Perspective liefert eine erste Einschätzung der Auswirkungen des Krieges auf die globale IKT-Branche und gibt Empfehlungen für Technologieanbieter und -einkäufer, damit diese sich schnell an die sich schnell ändernden Marktbedingungen anpassen und darauf reagieren können.

IDC Analyst Andrea Siviero zu den Auswirkungen der Ukraine Krise„Während die ukrainischen und russischen IKT-Märkte kurzfristig am stärksten vom Krieg betroffen sein werden und mit erheblichen Rückgängen und einer wahrscheinlich sehr langsamen zukünftigen Erholung zu rechnen ist, werden nur wenige Länder verschont bleiben. IDC geht davon aus, dass auch andere europäische Länder betroffen sein werden und andere Regionen rund um den Globus mit Spillover-Effekten auf ihre Volkswirtschaften und digitalen Märkte konfrontiert sein werden, insbesondere angesichts der wahrscheinlichen Auswirkungen des Krieges auf Handel, Lieferketten, Kapitalströme und Energiepreise”, so Andrea Siviero, Associate Research Director, IDC EMEA.


Die in diesem Beitrag angeschnittenen Erkenntnisse werden in einem IDC-Webinar am 17. März um 15:00 Uhr ausführlicher vorgestellt. Hier können Sie sich gerne anmelden.

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