Christian Korff im Interview: IIoT die Grundlage für eine bedarfsgerechte und agile Produktion

von Katja Schmalen

Welche Rolle wird Industrial IoT für die Zukunft der Industrie spielen, welche technologischen Entwicklungen erwarten Sie und was streben Sie als Anbieter an? Das und mehr wollten wir anlässlich der Vorstellung der IDC Studie “Industrial IoT in Deutschland 2022” von Christian Korff, Mitglied der Geschäftsleitung und Managing Director Global Accounts bei Cisco wissen.

IDC: Schwierige Rahmenbedingungen wie die anhaltenden Auswirkungen der Pandemie, gestörte Lieferketten und Rohstoffknappheiten stellen Industrieunternehmen weiter auf die Probe. Wie kann Industrial IoT am besten dabei helfen, diese Herausforderungen zu bewältigen?

Christian Korff: Zur Lösung der aktuellen Herausforderungen bietet IIoT die Grundlage für eine bedarfsgerechte und agile Produktion. Damit lassen sich Ressourcen gezielter einsetzen, um nachhaltiger zu produzieren und gleichzeitig Ausschuss zu vermeiden. Zudem können Unternehmen bei unvorhersehbaren Entwicklungen – wie einer Pandemie – ihre Fertigungsketten schnell auf neue Produkte umstellen. So wird etwa eine Schnapsbrennerei im Handumdrehen zum Hersteller von Desinfektionsmitteln. Sogar gestörte Lieferketten werden in Zukunft weniger problematisch, wenn Unternehmen zum Beispiel per 3D-Druck die benötigten Teile aus dem Rohmaterial selbst produzieren.

Wichtige Voraussetzungen für die Umsetzung von IIoT sind auch der Wandel der Organisation und die interne Zusammenarbeit. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die IT/OT-Konvergenz und welche Tipps haben Sie, um diese zu erreichen?

Christian Korff: Tatsächlich ist derzeit eine ungenügende Zusammenarbeit zwischen IT-Abteilung und Produktion DIE Sollbruchstelle bei IIoT. Wir bei Cisco haben in der Vergangenheit schon viele Konvergenzen mitgemacht, etwa die Verschmelzung von Video und Telefon oder Storage und Netzwerk. Unsere Best Practice: Legen Sie die betreffenden Abteilungen zusammen, inklusive Organisation und Budgethoheit. Einsparungs- und Synergieeffekte erhalten erst dann einen Schub, wenn bei einer Budgetorganisation der Investor auch die Vorteile nutzen kann.

Viele Unternehmen haben IIoT-Projekte gestartet, aber nicht alle führen zum Ziel. Welche Best Practices können Sie empfehlen, um die Steuerung und damit den langfristigen und wirtschaftlichen Erfolg von IIoT-Initiativen positiv zu beeinflussen?

Christian Korff: Unserer Erfahrung nach reichen Pilotprojekte alleine nicht für einen langfristigen Erfolg – sie können nur der erste Schritt sein. Wenn IIoT nachhaltig Mehrwerte liefern soll, werden Standardisierung und Richtlinienkompetenz benötigt. Allerdings ist genau zu überlegen, was standardisiert werden muss. Dazu gehört neben IT-Sicherheit meist die IIoT-Plattform und das Internet-Protokoll für die Schnittstellen. Die entsprechenden Lösungen lassen sich dann als Standardprodukte bereitstellen, die jedoch flexible Anpassungen ermöglichen sollten.

IDC erwartet in Zukunft eine zunehmende Zusammenarbeit und gemeinsame Geschäftsmodelle von verschiedenen Unternehmen in Industry Ecosystems – vor allem auch zwischen traditionell getrennten Branchen. Welche Voraussetzungen müssen Unternehmen aus Ihrer Sicht schaffen, um Teil der zukünftigen Wertschöpfungssysteme zu sein?

Christian Korff: Diesen Trend sehen wir auch. Unternehmen sollten sich bewusst sein, dass sie in Zukunft nur mit offenen Systemen erfolgreich sein können. Dabei müssen sie sich entscheiden, welche ihrer Kernleistungen proprietär bleiben und welche sie externen Entwicklern und Partnern zur Verfügung stellen. Diese können dann über offene Schnittstellen Zusatzlösungen bereitstellen.

Zum Beispiel wird die CNC-Fräse proprietär hergestellt. Die Anleitungen für Werkstücke steuern dann externe Partner bei. Diese Anleitungen lassen sich per NFTs, also Non-Fungible Tokens, mit einer Art digitaler Signatur versehen. So können neben der CNC-Fräse auch die Anleitungen verkauft werden. Die eigentliche Produktion findet dann überall statt. Je offener die IIoT-Plattform dabei ist, desto variantenreicher werden die Lösungen und desto mehr Kunden nutzen sie.

Die drei Voraussetzungen sind also erstens: Das Unternehmen selbst liefert vollumfänglich die Plattform und die dafür nötigen proprietären Teile. Zweitens: Es legt die Schnittstellen als Open Source offen, damit sie möglichst viele Partner nutzen können. Und drittens: Eine Developer Community entwickelt Lösungen und stellt sie über NFTs zur Verfügung.

Auch die Zukunft verspricht noch einige Herausforderungen, beispielsweise hinsichtlich steigender Energiekosten, Nachhaltigkeit und Cybersecurity. Welche Rolle wird Industrial IoT für die Zukunft der Industrie spielen, welche technologischen Entwicklungen erwarten Sie und was streben Sie als Anbieter an?

Christian Korff: Viele Fach- und Führungskräfte glauben häufig, dass Hackerangriffe gefährlicher für ihr Unternehmen sind als die Pandemie, Naturkatstrophen oder der Klimawandel. Das Angriffsrisiko wird in Zukunft noch weiter steigen. Cybersecurity wird zu einem dominanten Problem. Unternehmen müssen daher sicherstellen, dass alle Nutzer, Geräte und Maschinen, die auf das firmeneigene Netzwerk zugreifen wollen, ihre Identität beweisen. Dazu brauchen sie neben Multifaktor-Authentifizierung und Zero Trust auch KI-basierte Lösungen zur Anomalie-Erkennung – ergänzt durch regelmäßige Anwenderschulungen, etwa zum Umgang mit Phishing-Mails.

Bei den Themen Energiekosten und Nachhaltigkeit sind wir dagegen optimistischer. Durch den gezielten Einsatz von Ressourcen, die Vermeidung von Ausschuss, Predictive Maintenance, Digital Twins und dezentrale Produktion vor Ort wird die Herstellung immer effizienter. So müssen vielleicht auch Konsumenten eines Tages nicht mehr ein Paket mit 100 Schrauben aus China im Baumarkt kaufen, sondern können eine davon im Keller selbst mit einem 3D-Drucker herstellen.

 

 

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