Cloud Experte Michael Lumma: Im Grunde braucht niemand einen Server

von Katja Schmalen

Wie Michael Lumma, Managing Director Cloud Services bei BTC AG den Cloud-First Approach einschätzt und wo er das Thema Cloud in drei Jahren sieht, hat er uns exklusiv bei der Vorstellung der neuen IDC Studie  „Cloud-Infrastrukturen und Cloud-Architekturen in Deutschland 2021“ verraten.

IDC: Cloud Computing ist im Jahr 2021 in den Unternehmen angekommen. Welche Themen sind aus Ihrer Perspektive in diesem Jahr besonders spannend und beachtenswert?

Michael Lumma von BTC zu CloudMichael Lumma: Viele unserer Kunden sind in besonders sensiblen, staatlich regulierten Bereichen tätig, angefangen bei der Energiewirtschaft über Finance bis hin zum öffentlichen Sektor. Überall dort, wo es um kritische Infrastrukturen geht, war man in Bezug auf Cloud-Anwendungen lange Zeit eher zurückhaltend.

Was wir jetzt beobachten, ist eine Öffnung, die in der Business-IT vieler unserer Kunden begonnen hat und sich in den Fachbereichen fortsetzt: Selbst hochkritische Systeme, die nie länger als 15 Minuten ausfallen dürfen, bauen wir heute in der Cloud. So koppeln wir dezentrale Energieerzeuger zu virtuellen Kraftwerken in der Cloud, unterstützen mit Big Data bzw. Data Analytics dabei, vorhandene Ressourcen bestmöglich auszulasten, und helfen Finance-Kunden dabei, im Geschäftskunden-Umfeld ganz neue Wege zu gehen.

IDC: Sie sprechen tagtäglich mit Ihren Kunden über die bestmögliche Nutzung von IT. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten drei Erfolgsfaktoren, die Unternehmen unbedingt berücksichtigen müssen, um die Cloud richtig aufzusetzen oder zu optimieren?

Michael Lumma: Der wichtigste Punkt ist sicherlich, Cloud nicht als ein weiteres Rechenzentrum zu betrachten. Nur durch die konsequente Nutzung von Automatisierung, Plattformen beispielsweise für Data Analytics und AI, IoT oder cloudnativer Software-Entwicklung sowie darauf abgestimmten Prozessen können die Vorteile der Cloud voll genutzt werden. Dafür ist es notwendig, vorhandenes Silo-Denken zu überwinden, Entwicklung und Betrieb in Zusammenhang mit DevOps näher zusammenzubringen und vor allem Wissen aufzubauen. Ist dies im eigenen Unternehmen nicht möglich, gibt es Partner wie die BTC AG, die vom Konzept über Architektur und Entwicklung bis hin zum Betrieb diese Lücken füllen und wertvolle Impulse setzen.

IDC: Das Rechenzentrum und die Cloud verzahnen sich immer stärker miteinander. Viele Entscheider verfolgen in diesem Zusammenhang einen Cloud-First-Ansatz. Wie bewerten Sie diese Sichtweise?

Michael Lumma: Die Verzahnung von Rechenzentren und der Cloud sehen wir nur sehr begrenzt. Zentrale Anwendungen wie beispielsweise SAP ziehen verstärkt vollständig in die Public-Cloud-Umsysteme und daran angebundene Systeme folgen oder sind zum Teil bereits dort – wie beispielsweise die SAP Business Technology Platform, fast alle Microsoft-Produkte oder auch Neuentwicklungen unserer Kunden. Technisch ist es heute in Deutschland möglich, praktisch alle Rechenzentren mit hoher Bandbreite und minimaler Latenz an die Cloud anzubinden, in der Praxis spielt es aber selten eine Rolle.

IDC: Mit welchen Cloud-Angeboten unterstützen Sie IT-Organisationen und Fachbereichs-IT in den Unternehmen im Detail?

Michael Lumma: Unser Angebot lässt sich in drei Punkten zusammenfassen: An erster Stelle steht für uns der sichere Betrieb der Cloud-Umgebungen unserer Kunden. Trotz C5-Zertifizierungen und ISO/IEC-27001:2013-Zertifizierungen der Hyperscaler wird eine individuelle Cloud-Umgebung erst dann sicher, wenn alle technischen und organisatorischen Maßnahmen ergriffen sind, um Daten zu schützen und die Verfügbarkeit sicherzustellen. Wir bauen und härten diese Umgebungen, überprüfen die Architektur und übernehmen für unsere Kunden den vollständigen Betrieb.

Sobald unsere Kunden in der Cloud sind, ist es absolut sinnvoll, auf agile Prozesse in der Softwareentwicklung zu setzen. Wir helfen hier sowohl bei Prozessen, Tools und den Plattformen und übernehmen bei Bedarf auch die kontinuierliche Entwicklung sowie den Betrieb neuer Anwendungen.

Der letzte Punkt ist die Migration der vorhandenen Applikationen: Angefangen bei kleinen Individualentwicklungen bis hin zu umfangreichen SAP-Landschaften migrieren wir fast alles, soweit dies sinnvoll ist. Ist es das nicht, betreiben wir Anwendungen auch weiterhin bei unseren Kunden oder in unseren eigenen Rechenzentren, die uns trotz des Wachstums im Cloud-Segment noch eine ganze Weile erhalten bleiben werden.

IDC: Werfen wir einen Blick voraus: Wie wird die Nutzung von IT-Ressourcen in den nächsten zwei bis drei Jahren idealerweise aussehen? Welche Rolle spielen Cloud und Edge dabei? Welche Themen sehen Sie hier?

Michael Lumma: Edge-Locations sind als inhärenter Bestandteil der Cloud eine Grundlage für performante und sichere Services, die eigene, verteilte Rechenzentrum-Strukturen überflüssig machen können. Gerade wenn es um große Datenströme geht, die vorverarbeitet werden müssen oder für IoT Services mit geringer Latenz performen müssen, sind die Edge-Locations der Hyperscaler ein großer Gewinn.

Um Ihre Frage nach der zukünftigen Nutzung von IT-Ressourcen zu beantworten: Der eigentlich entscheidende Punkt ist, was IT-Ressourcen zukünftig sein werden! Klassische Infrastrukturen, auch als IaaS (Infrastructure as a Service) in der Cloud, werden eine geringere Rolle spielen.

Im Grunde braucht niemand einen Server, sondern die Software, die entwickelt oder genutzt werden soll. Entsprechend steigt die Nutzung von Serverless-Architekturen, Plattform-Services und SaaS-Diensten in den nächsten Jahren weiter. Damit bildet IT einen Wandel im Business ab: weg vom Produkt, hin zur flexiblen Dienstleistung. Der physische Server, seine Virtualisierung in viele kleine Einheiten und die darauf laufenden Betriebssysteme werden unsichtbar.

Insgesamt wird es zukünftig die Rolle der IT im Unternehmen sein, unterschiedliche Dienste zu orchestrieren und zu verbinden. Derzeit ist die Public Cloud der einzige Ort, an dem sich IT-Ressourcen dafür passend flexibel nutzen lassen, und damit Dreh- und Angelpunkt aller zukunftsgerichteten IT-Anforderungen.

 


Case Study: Open Grid Europe

Die Open Grid Europe GmbH, kurz OGE, ist einer der führenden Fernleitungsnetzbetreiber Europas und somit ein wesentlicher Player im Umfeld kritischer Infrastrukturen, kurz KRITIS.  Die Applikationslandschaft der TSO BSS Plattform bildet das zentrale Gas-Transport-Management-System eines Fernleitungsnetzbetreibers ab. Hier laufen die wesentlichen Wertschöpfungsprozesse der Vermarktung inkl. Kapazitäts-, Vertrags- und Nominierungsmanagement ab. Damit gehört diese zu den kritischsten Applikationen europäischer Ferngasnetzbetreiber. Die Transformation dieser Prozesse in eine Public-Cloud-Umgebung benötigte daher eine spezielle energiewirtschaftliche Expertise und höchste Sorgfalt. Wie das Unternehmen diese Herausforderung adressiert hat, lesen Sie in der Case Study.

IDC Studie Cloud Computing in Deutschland 2021

 

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