Data Driven: Wie sich intelligente Unternehmen auf eine Welt nach der Pandemie vorbereiten

von Katja Schmalen

Im November 2020 hat IDC eine umfangreiche Marktstudie zu den Auswirkungen von Covid-19 auf die IT-Ausgaben durchgeführt. Von mehr als 600 Führungskräften weltweit erwarten 2/3 der Organisationen, dass ihre Ausgaben für Analytics- und KI-Technologien im Jahr 2021 im Vergleich zu ihren tatsächlichen Aufwendungen im Jahr 2020 steigen oder zumindest stabil bleiben werden.

Dies geschieht trotz oder vielleicht gerade wegen der aktuellen globalen Situation. Nach der ersten Reaktion auf die Krise Anfang 2020 begannen Unternehmen, ihre Entscheidungsfähigkeit neu zu bewerten. Im Juli 2020 gaben 65 % der Unternehmen an, dass die COVID-19-Pandemie Lücken und Unzulänglichkeiten in ihren Analyse- und KI/ML-Modellen aufgedeckt hat, was zu einer Neubeurteilung der Strategien, differenzierteren Szenariobewertungen und neuen “War Gaming”-Übungen führte.

Jetzt, da wir uns dem Ende eines beispiellosen Jahres nähern, hat ein globales Team von Analysten der IDC Practice “Future of Intelligence” eine Reihe von Prognosen veröffentlicht, die den Beginn einer neuen Generation des Enterprise Intelligence aufzeigen.

“Wir investieren schon seit vielen Jahren in Daten, Analytics und KI. In diesem Jahr haben wir jedoch einige wichtige Veränderungen in der Art und Weise vorgenommen, wie unser Analyse-Know-how innerhalb des Unternehmens geteilt und verbreitet wird”, sagte der CIO eines großen US-amerikanischen Technologieherstellers im Gespräch mit einem unserer führenden Analysten.

Dieses und viele andere Unternehmen haben einen deutlichen Wandel in ihrer Definition von Enterprise Intelligence vollzogen. Sie denken nicht mehr nur an Investitionen in Data-Warehousing-, Business-, Intelligence- und Machine-Learning-Technologien, sondern auch an Funktionen für Data- und Model-Ops und Governance, kollektive Intelligenz, Entscheidungssimulation, Wissensnetzwerke und – was vielleicht am wichtigsten ist – an Datenkompetenz und Datenkultur.

70 % der Manager und Geschäftsführer bestätigen, dass ihre Führungskräfte in den letzten 12 Monaten explizit gefordert haben, dass das Unternehmen datengetriebener werden soll. Ebenso sagen 87 % der CXOs, dass die Entwicklung hin zu einem intelligenteren Unternehmen ihre oberste Priorität für die nächsten 5 Jahre ist.

Was die heutige Bedeutung der Datenkultur von der Vergangenheit unterscheidet, ist die Erkenntnis der Führungskräfte, dass die digitale Transformation ohne eine neue Form der Intelligenz (Future of Intelligence) nicht möglich ist. Diese definieren wir als die Fähigkeit einer Organisation, zu lernen, kombiniert mit der Fähigkeit, die zum Lernen benötigten Informationen zu synthetisieren und die daraus resultierenden Erkenntnisse in großem Umfang anzuwenden, um einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu erzielen oder die Mission der Organisation zu erfüllen.

Dieser Wandel in der Einstellung und den Investitionsprioritäten von Top-Führungskräften geht einher mit dem Eintritt einer neuen Generation von datenaffinen Arbeitnehmern in die Arbeitswelt. Als Kollektiv repräsentieren sie die Generation D (Gen-D), die keine rein chronologische (also auf Geburtsjahrgänge), sondern eine berufsbezogene Generation ist, in der die Karriere- und Freizeitaktivitäten sowie das Privatleben von Daten durchdrungen sind.

In einem kürzlich veröffentlichten Interview von einer Microsoft-Veranstaltung sprach die CEO von GlaxoSmithKline (GSK), Emma Walmsley, auf die Frage nach dem Einfluss von Daten auf ihr Unternehmen an. Sie sagte: “Daten transformieren unsere Innovation. In der Wissenschaft der Genetik dreht sich alles um Daten und die Analyse von Daten”. Dieser Gedanke hat sich in diesem Jahr in den kollektiven Bemühungen von Wissenschaftlern und Medizinern zur Bekämpfung von Covid-19 eindeutig widergespiegelt.

Aber wir stehen erst am Anfang einer rasanten Veränderung dessen, was Unternehmensintelligenz bedeutet. Bei IDC gehen wir davon aus, dass bis 2026 die Notwendigkeit, die kollektive Intelligenz von Menschen, Maschinen am Edge und von diversen Endgeräten zu nutzen, 25 % der G2000-Unternehmen dazu bringen wird, in Swarm-Intelligence-Lösungen zu investieren. Die Steigerung der Unternehmensintelligenz hängt von der Nutzung der Macht der kollektiven Intelligenz ab, die verschiedene Formen annehmen kann: von Teams von Menschen, die gemeinsam handeln, um eine Entscheidung zu beeinflussen, über Menschen, die von intelligenten Maschinen unterstützt werden, bis hin zu Gruppen von Maschinen oder “Dingen”, die “zusammenarbeiten”, um ein Ziel zu erreichen. Folgerichtig fangen Unternehmen an, in diese zu investieren oder die Investitionen zu erhöhen:

  • Lösungen für die Zusammenarbeit und Augmented Analytics, die bestehende Workflows beschleunigen, indem sie mehrere Schritte des Prozesses von der Datenaufnahme bis zur Gewinnung von Erkenntnissen automatisieren und gleichzeitig Funktionen für die Zusammenarbeit und das Wissensmanagement im laufenden Prozess einbeziehen.
  • Lösungen für die Verwaltung verteilter “Things” oder Bots, wie z. B. Drohnen oder Roboter, die eine Schwarmfunktion mit unabhängigen “Entscheidungsmöglichkeiten” benötigen.

Für diese Prognose verwenden wir die Definition von Schwarmintelligenz als kollektives Verhalten dezentraler, selbstorganisierter Systeme – ob natürlich oder künstlich. Diese Schwarmsysteme können entweder nur aus Menschen, nur aus Maschinen oder aus einer Mischung aus Menschen und Maschinen bestehen. Für jede Art von von Schwarmintelligenz müssen die Fähigkeiten variieren und die jeweiligen Stärken und Schwächen berücksichtigen. Bei Menschenschwärmen beispielsweise muss die Technologie unter anderem in der Lage sein, “Gruppendenken” zu verhindern und sicherzustellen, dass die Mitglieder nicht als eigenständige Personen betrachtet werden, die ohne aktive Echtzeit-Feedback-Schleifen ihren Beitrag leisten. Für Maschinengruppen muss die Technologie Governance-Richtlinien bereitstellen, um die Aufsicht über die ansonsten autonomen Gruppen zu gewährleisten.

Die Technologie für Human- oder Maschinenschwärme befindet sich noch im Anfangsstadium, aber ihr Potenzial hat sich in akademischen Studien und in der Praxis bereits gezeigt. Aktuelle Beispiele für den Einsatz von Schwarmintelligenz gibt es in der Unterhaltungsbranche, der Landwirtschaft, beim Militär, im Sicherheitssektor und in anderen Bereichen. In Zukunft erwarten wir die Anwendung von Schwarmintelligenz zur Verbesserung von Vorhersage- und Prognoseprozessen und zum Einsatz von Bots in physischen Umgebungen, in denen die Beteiligung von Menschen nicht möglich oder nicht erwünscht ist.

Investitionen in Lösungen und Praktiken zur Nutzung kollektiver Intelligenz und viele andere Maßnahmen zur Automatisierung von Aktivitäten oder ganzen Prozessen der Entscheidungsfindung werden mit einer Mischung aus internen und externen Ressourcen umgesetzt werden. Immer mehr Unternehmen sehen die Notwendigkeit, sich bestimmte kritische Analytik- und KI-Assets oder IP zu eigen zu machen. Wir von IDC prognostizieren, dass bis 2023, getrieben durch das Ziel, Intelligenz in Produkte und Dienstleistungen einzubetten, 1/4 der G2000-Unternehmen mindestens ein KI-Software-Startup erwerben wird, um so den Besitz von differenzierten Fähigkeiten und IP sicherzustellen. Dieses Spiel ist bereits in vollem Gange.

Branchenübergreifend haben zahlreiche Unternehmen KI-basierte Lösungen für das Gesundheitswesen, das physische Asset Management, die Betrugsprävention, den Kundenservice, die pharmazeutische Forschung, die Unterhaltungsbranche und andere Bereiche auf den Markt gebracht. In den letzten Jahren haben Unternehmen wie McDonald’s, TD Bank, Nike, General Motors, Mastercard, Walmart, S&P Global, John Deere und andere Startups im Bereich Analytics und KI übernommen. Angesichts des sich verschärfenden Kampfes um Top-KI- und Datentalente werden sicherlich noch viele weitere folgen.

Chris Kempczinski, CEO von McDonald’s, sagte bei der Bilanzpressekonferenz seines Unternehmens im Juli 2020: “Das Großartige an Dynamic Yield [eines der von McDonald’s übernommenen KI-Startups] ist, dass wir dieselbe entscheidungsorientierte Logik in unseren Verkaufsstellen und in der globalen mobilen App verwenden können, so dass wir weitere Umsatzsteigerungen in anderen digitalen Bereichen erzielen können.”

Diese Übernahmen werden neue Möglichkeiten eröffnen und neue Herausforderungen mit sich bringen, einschließlich der Herkulesaufgabe, KI-Talente zu halten und die bestehende Kultur so anzupassen, dass ein Gründergeist entstehen kann. IDC ermutigt alle Unternehmen, ihre Strategie dahingehend zu überprüfen und die skizzierten Szenarien für ein erfolgreiches Agieren in einer Welt nach der Pandemie mit einzubeziehen.

Das könnte Sie auch interessieren