5 Fragen, 5 Antworten: Dr. Sebastian Ritz über Datensouveränität, Edge und die Cloud

von Katja Schmalen

Wie wird die Nutzung von IT-Ressourcen in den nächsten zwei bis drei Jahren aussehen und welche Rolle spielt Datensouveränität dabei? Unter anderem darüber haben wir uns anlässlich der Vorstellung der neuen IDC Studie  „Cloud-Infrastrukturen und Cloud-Architekturen in Deutschland 2021“ mit Dr. Sebastian Ritz, CEO Cloud & Edge bei German Edge Cloud ausgetauscht.

IDC: Cloud Computing ist im Jahr 2021 in den Unternehmen angekommen. Welche Themen sind aus Ihrer Perspektive in diesem Jahr besonders spannend und beachtenswert?

Dr. Sebastian Ritz von German Edge Cloud über DatensouveränitätDr. Sebastian Ritz: Cloud-Computing mit seinen Kosten- und Skalierungsvorteilen ist seit Jahren fester Bestandteil der IT-Strategien. Rasant wachsende Datenmengen und steigender Bedarf an Echtzeitanwendungen sprechen heute immer mehr für hybride Ansätze mit Edge Computing direkt vor Ort und Multi-Cloud-Anbindung. Das gilt nicht nur für den Bereich Industrie 4.0, wo produktions- und maschinenrelevante Daten mit äußerst kurzer Latenz gesammelt und verarbeitet werden müssen, um Maschinensteuerung in Echtzeit, KI-, AR- und 5G-Anwendungen zu ermöglichen. In nahezu allen Branchen, sei es im Bereich Healthcare, Telekommunikation, Finance, Smart Cities oder E-Government, wachsen die Datenmengen, welche schnell, ausfallsicher und geschützt vor Ort verarbeitet werden müssen.

Zudem erweitert sich der Fokus der digitalen Zusammenarbeit. Durch Initiativen wie Gaia-X und Catena-X entstehen neue Datenräume zum unternehmensübergreifenden Austausch und für datengetriebene Geschäftsmodelle.

IDC: Sie sprechen tagtäglich mit Ihren Kunden über die bestmögliche Nutzung von IT. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten drei Erfolgsfaktoren, die Unternehmen unbedingt berücksichtigen müssen, um die Cloud richtig aufzusetzen oder zu optimieren?

Dr. Ritz: Die Kernfrage lautet: Mit welcher Strategie mache ich die Datenflut am schnellsten nutzbar und profitiere mittelfristig von einem steigenden Digitalisierungsgrad? Unsere erste Empfehlung lautet, mit überschaubaren Use Cases zu starten. Nicht als Insellösung, sondern als möglicher Teil des späteren Ganzen. Digitale Transformation ist immer noch Pionierarbeit. Der Beginn mit einem ersten Use Case reduziert Komplexität und sorgt für schnelle eigene Erfahrungen, die die weitere Planung beeinflussen werden.

Zweitens, denken Sie die Lösung von den Anwendungsfällen her und setzen Sie auf eine möglichst offene und skalierbare Plattform mit Multi-Cloud-Fähigkeit. Besonders für die fertigende Industrie gilt dabei: Wählen Sie eine Architektur, welche die Etablierung kurzer Regelschleifen zur Optimierung der Produktion auf Basis von Massendaten – IIoT – ermöglicht. Hierfür ist das Edge Computing geradezu prädestiniert. Offenes Edge Computing heißt, möglichst einen Vendor mit einem minimalen Lock-in-Effekt zu nutzen.

Und drittens, achten Sie auf Datensouveränität zum Schutz Ihres Know-hows. Unternehmen sollten selbst entscheiden können, wer zu welchem Zweck wie lange Zugriff auf welche Daten erhält und über welche Plattformen und Public Clouds sie sich mit ihren Partnern vernetzen.

IDC: Das Rechenzentrum und die Cloud verzahnen sich immer stärker miteinander. Viele Entscheider verfolgen in diesem Zusammenhang einen Cloud-First-Ansatz. Wie bewerten Sie diese Sichtweise?

Dr. Ritz: Im Vordergrund steht meist das Lösen einer komplexen Digitalisierungsanforderung vor Ort. Unsere Erfahrung zeigt: Gerade für die Industrie hat es sich bewährt, zu diesem Zweck die Cloud eher von der Edge her zu denken als umgekehrt. Das reduziert auch Abhängigkeiten bei der Cloud-Anbindung. Effizient realisieren lässt sich die benötigte Architektur mit einer möglichst flexiblen Edge Cloud Appliance.

Ein Beispiel: Die “Oncite Industrial” ist eine cloudnative, hochskalierbare Technologie- und Infrastrukturplattform. Sie lässt sich sowohl auf der Edge als auch auf der Cloud einsetzen und erlaubt die flexible Einbindung anderer Cloud-Plattformen – distributed Cloud Management – für Hybrid- und Multi-Cloud-Szenarien. Unterbau ist eine plattformunabhängige Kubernetes-basierte Architektur als IaaS, zuzüglich Plattformdiensten als PaaS und Operation-Center. In Verbindung mit den skalierbaren industriellen Anwendungen wie MES, MOM oder Analytics per SaaS liefert die Oncite Industrial skalierbares und offenes Edge Computing. Dank standardisierter Module und Managed Services kann sich der Fabrikbetreiber auf sein Kerngeschäft konzentrieren und profitiert schnell von einem hohen Digitalisierungsgrad.

IDC: Mit welchen Cloud-Angeboten unterstützen Sie IT-Organisationen und Fachbereichs-IT in den Unternehmen im Detail?

Dr. Ritz: Besonders großes Potenzial bietet die Kombination aus Edge und Cloud für die Fertigungsindustrie. Hier lässt sich der Weg von der IIoT-Anbindung als Grundlage bis zur Smart Factory als Ziel am wirkungsvollsten in drei aufbauenden Digitalisierungsstrategien angehen: Erstens, die durchgängige Vernetzung aller Ebenen vom Shopfloor über MES bis zum ERP bildet die Basis, zum Beispiel, um Massendaten zur Steigerung der Gesamtanlagen-Effektivität nutzbar zu machen. Zweitens, die Vernetzung über die Unternehmensgrenzen hinweg ermöglicht Anwendungen wie Track&Trace und kann den Weg zu zukünftigen digitalen Lieferketten im Kontext von Plattformen wie Catena-X ebnen. Und drittens werden mit fortschreitender Digitalisierung der Produktion dann die heute weit verbreiteten starren Linienkonzepte nach und nach durch flexible Fertigungssysteme abgelöst, die sich selbst konfigurieren und rekonfigurieren.

IDC: Werfen wir einen Blick voraus: Wie wird die Nutzung von IT-Ressourcen in den nächsten zwei bis drei Jahren idealerweise aussehen? Welche Rolle spielen Cloud und Edge dabei? Welche Themen sehen Sie hier?

Dr. Ritz: Die Zukunft in der Industrie und in anderen Branchen wird über die digitale Optimierung des eigenen Bereichs hinausgehen, nicht nur durch Track&Trace über die gesamte Lieferkette. Es entstehen Daten-Ökosysteme, die es ermöglichen, Daten, Information und Wissen so zu teilen und bereitzustellen, dass neue unternehmensübergreifende Wertschöpfung entsteht.

Hierbei sehen wir die Edge als Ausgangspunkt und strategischen Kontrollpunkt in der digitalen unternehmensübergreifenden Wertschöpfung, die mit jeweils passenden generischen und industriespezifischen Cloud-Plattformen datensouverän interagiert.

Damit das technisch und wirtschaftlich gelingt, braucht es klare Regeln, auch zur Datensouveränität. Dies ist für die Industrie ein entscheidender Faktor für den Aufbau einer souveränen Dateninfrastruktur in Europa, die wir mit GEC auch als Mitbegründer von Gaia-X und Gründungsmitglied von Catena-X weiter vorantreiben. Das Ziel ist ein europäisches Ökosystem für datengetriebene Geschäftsmodelle, das die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft in Europa fördert.

 


Case Study: Rittal

Rittal ist ein Systemanbieter für Schaltschränke, Stromverteilung, Klimatisierung, ITInfrastruktur sowie Software und Service. Zum Leistungsspektrum gehören konfigurierbare Schaltschränke, deren Daten im gesamten Produktionsprozess durchgängig verfügbar sind. Rittal hat in Haiger ein neues Werk errichtet, das mit vollständig digital integrierter Produktion eines der modernsten Schaltschrank-Werke der Welt werden sollte. Wie das Unternehmen diese Herausforderung adressiert hat, lesen Sie in der Case Study.

IDC Studie Cloud Computing in Deutschland 2021

 

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