DX in der COVID-19-Krise: Zerreißprobe für den Handel – Teil 2

von Katja Schmalen

Auf lange Sicht wird der Einzelhandel seine Investitionen in technologische Kapazitäten und Prozesse verstärken müssen, um so kurzfristig die bei der Skalierung des E-Commerce, der Lagerbestandsverwaltung auf Filialebene sowie des Auftrags- und Liefervolumens zutage getretenen Stolperfallen zu beseitigen – das war das Fazit des ersten Teils unserer Artikelserie “Retail in der COVID-19-Krise”. Wie das gelingen kann, schauen wir uns im Folgenden an.

Der lokale Einzelhandel sollte Systeme zur Auftragsverwaltung implementieren und integrieren. Das Fulfillment im (geschlossenen) Ladengeschäft erfordert zusätzliche Technologien zur effizienten und schnellen Verwaltung der Produktauslieferung und Zustellung auf der sogenannten letzten Meile. Ohne die Vorteile digital unterstützter Systeme und Prozesse geht der Vorteil, zusätzliche Kanäle zu bedienen, durch die enormen Kosten verloren, die mit der ineffizienten Bedienung der zusätzlichen Vertriebswege verbunden sind.

Warenlager und Fulfillment-Zentren, die oft mit einer Minimalbesetzung arbeiten, um die vorgeschriebenen Anforderungen der sozialen Distanzierung zu erfüllen, sind einfach nicht dafür aufgestellt, Produkte zügig zu liefern. Das hat viele Einzelhändler in den letzten Wochen dazu veranlasst, ihre verwaisten Ladenlokale schnell auf Fulfillment-Zentren umzustellen, um Bestellungen nachzukommen und den Warenbestand in den Läden in Bewegung zu halten. Einzelhändler mit Systenmrelevanz sind ähnlich vorgegangen, indem sie einige ihrer Läden in reine Fulfillment-Standorte umwandeln und die Auslieferung bzw. Abholung quasi an der Bordsteinkante anbieten, da die Nachfrage von Seiten der Konsumenten steigt.

Amazon zum Beispiel ist durch sein großes Netz von Warenlagern näher an den Kunden gerückt. Wie viele lokale Einzelhändler, die plötzlich gezwungen waren, aus ihren Ladenlokalen heraus zu beliefern, wurde auch bei Amazon teilweise darauf umgestellt, von Standorten in der Nähe des Kunden zu liefern. Dadurch konnten die Transportkosten gesenkt und die Lieferzeit für den Kunden verkürzt werden. Die neue Einführung der “Bordsteinkanten”-Lieferung hat dem Kunden eine weitere Möglichkeit geboten, schnell die bennötigten Artikel zu erhalten. Wir gehen davon aus, dass wir auch nach der Wiedereröffnung der Ladengeschäfte eine stetig steigende Zunahme des Online-Shoppings und auch Nutzung der alternativen Fulfilment-Optionen sehen werden.

Einzelhändler, die schon weiter auf der Adoptionskurve der digitalen Transformation (DX) angekommen sind, werden der Pandemie mit größerer Resilienz begegnen können.

Diese Einzelhändler sind besser aufgestellt, um ihre Geschäfte und Arbeitskräfte mit Hilfe von moderner Technologie – darunter Sensoren, Computer Vision, intelligente Regale, Self-Checkout und Mobility – zu unterstützen, was zu einer verbesserten Konnektivität und Übersichtlichkeit führt. Darüber hinaus haben Datenquellen auf Filialebene, die analysiert werden können, um einen besseren Einblick in das Kundenverhalten und die Bestandsbewegungen zu erhalten, zu einem besseren Kundenservice und einem besseren Kundenengagement geführt.

Dennoch: Die gesamte Branche – ob systemrelevant oder nicht – muss ihre Infrastrukturpläne neu bewerten, um festzustellen, wie gut ihre Notfallpläne funktioniert haben und was verbessert werden muss. Im Zuge des Wiederaufbaus ihrer Lieferketten und Ökosysteme müssen die Händler die Risiken, die von außen auf sie einwirken können, neu betrachten und Maßnahmen ergreifen, um sich selbst bestmöglich zu schützen. Auf lange Sicht wird der Handel seine Investitionen in technologische Kapazitäten und Prozesse verstärken müssen, um so kurzfristig die bei der Skalierung des E-Commerce, der Lagerbestandsverwaltung auf Filialebene sowie des Auftrags- und Liefervolumens entdeckten Stolperfallen zu beseitigen.

Ein sich wandelndes Makroumfeld im Einzelhandel

Unabhängig von der Sub-Branche oder der Art der Ware können wir davon ausgehen, dass die Auswirkungen von COVID-19 große transformative Veränderungen im Makroumfeld des Einzelhandels bewirken werden. Da wären:

  1. die Modernisierung des Einzelhandelsgeschäfts
  2. eine stärker auf Zusammenarbeit ausgerichtete und transparentere Kultur
  3. die Beschleunigung der digitalen Transformation im Handel
  4. die Zunahme von kontaktlosen Geschäftsprozessen und Dienstleistungen und
  5. die Beschleunigung der globalen Multi-Source-Supply-Chain-Strategie.

Daher werden sich die Einzelhändler, die die COVID-19-Krise überstehen, darauf konzentrieren, ihre Unternehmen zu stärken, indem sie schneller, effizienter und innovativer werden, um den Kunden besser bedienen und ansprechen zu können. Dazu müssen diese Einzelhändler die große Herausforderung meistern, widerstandsfähig zu bleiben (oder zu werden) und künftig besser in der Lage sein, zu reagieren, zu managen und Risiken einzugehen, und das alles, während sie gleichzeitig profitabel bleiben (oder werden). Dies erfordert einen neuen Denkansatz und veränderte Prozesse und Technologien, die eine größere Transparenz in der Lieferkette vom Konzept bis zum Verbraucher voraussetzen und gewährleisten.

Mit Blick  auf die Zukunft muss die Branche jetzt ihre Fähigkeiten bewerten. Sind die Händler in der Lage,

  • sich digital zu connecten und ihre Daten für eine intelligente Entscheidungsfindung effektiv zu nutzen und zu analysieren,
  • mit dem gesamten Ökosystem zusammenarbeiten,
  • sich technologischen Fortschritten  unkompliziert anzupassen,
  • ihren Mitarbeitern Online-Trainings anzubieten,
  • Remote-Arbeit im Home Office zu ermöglichen,
  • 5G- und Edge-Anwendungen zu nutzen,
  • SB-Handel und Self Service-Dienstleistungen anzubieten,
  • BOPIS (Buy Online, Pickup In Store), Verkauf an der Bordsteinkante und andere E-Commerce-Angebote zu offerieren,
  • Lieferketten effizient zu orchestrieren,
  • Verteilungszentren zu automatisieren und

Die Rolle von AI in der Branche

Wenn es darum geht, die Daten und Systeme im Einzelhandel optimal zu nutzen, werden Analytik und künstliche Intelligenz sowohl für systemrelevante als auch für nicht systemrelevante Einzelhändler  kurz- als auch langfristig im gesamten Unternehmen von entscheidender Bedeutung sein, um die Intelligenz in vielen verschiedenen Betriebsbereichen zu verbessern.

Für alle Einzelhändler, die ihre Personalressourcen optimieren müssen, könnten Lösungen zur Bedarfsermittlung helfen. So lässt sich dynamisch abschätzen, aus welchen Kanälen die Nachfrage kommen wird und wie die zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte bei Ressourcenknappheit sinnvoll zugeteilt werden können- oder wie Nachfragespitzen unter den schwierigen Bedingungen abgefedert werden können. Langfristig kann eine KI, die automatisierte Aufgaben übernimmt, die Abhängigkeit von einzelnen Mitarbeitern reduzieren, so dass diese dann beispielsweise für das Kundenengagement und andere Aufgaben frei werden.

Die KI optimiert auch Bereiche wie die Preisgestaltung, so können beispielsweise für Produkten mit geringer Nachfrage dynamisch Preisnachlässe auszulöst werden, um die Regale in den Läden für Produkte mit höherer Nachfrage frei zu bekommen. Langfristig unterstützt KI bei einer intelligenten Disposition und im Fulfilment, um sicherzustellen, dass der Bestand an die Filialen geht, die die Ware aktuell am dringendsten benötigen und natürlich auch von dem jeweils optimalen Standort aus versendet werden, ohne Engpässe zu verschärfen.

Wie geht es weiter?

Der gesamte Einzelhandel ist von COVID-19 betroffen – im deutschsprachigen Raum, in Europa und auf der ganzen Welt. Während viele ihre Läden schließen mussten, weil sie ihre Waren nicht mehr verkaufen konnten oder durften, florierte anderswo der Absatz bestimmter Artikel, wir denken etwa an Fahrräder oder Puzzle-Spiele. Unabhängig davon, was die Krise für den Einzelnen bedeutet, müssen alle Einzelhändler ihre Notfall- und Pläne zur Business Continuity jetzt analysieren und neu bewerten – und dabei vor allem die Learnings aus COVID-19-Krise in ihre Pläne einfließen lassen.

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