DX in der COVID-19-Krise: Zerreißprobe für den Handel

von Katja Schmalen

COVID-19 hat im Einzelhandel und dem gesamten Ökosystem eine heftige Schockwelle ausgelöst. Nicht systemrelevante – also für die Grundversorgung unbedingt notwendige- Unternehmen haben mit rapiden Umsatzeinbrüchen und Entlassungen von Mitarbeitern zu kämpfen, während systemrelevante Unternehmen versuchen, schnell zu expandieren, um erhebliche Umsatzsteigerungen mitzunehmen und Spitzen beim Fulfilment von E-Commerce-Bestellungen zu bewältigen. Der Absatz in der Fashion- und Bekleidungsindustrie ging durch weltweite Filialschließungen im März um mehr als die Hälfte zurück, der Lebensmittelhandel hingegen verzeichnete Wachstumsraten von 25%.

Die weltweiten Wachstumsprognosen für den Einzelhandel mussten gegenüber den Prognosen aus der Zeit vor COVID19 für das Jahr 2020 inzwischen halbiert werden. Die Modeindustrie mit einem Umsatz von mehr als 660 Mrd. Euro wurde durch die obligatorischen Ladenschließungen hart getroffen, hinzu kommt die mangelnde Shoppinglust der Kunden. Die Folge: sowohl auf Filial- als auch auf Betriebsebene werden Mitarbeiter entlassen, und sehr wahrscheinlich werden einige Geschäfte und Ketten ihre Läden ganz schließen müssen.

Die Abhängigkeit des Einzelhandels von globalen Lieferketten wirkt sich auch auf die Versorgung aus: 20% des Marktvolumens in den USA und in der Region EMEA sind an Fabriken in China gebunden, und die Kapazitäten der Fabriken weltweit sind seit mindestens 60 Tagen zu weniger als 50% ausgelastet. Die Logistik steht mit Hafenstilllegungen und Arbeitskräftemangel vor großen Herausforderungen, so sind die Tonnagen um 20% zurückgegangen.

Vor der Corona-Pandemie ging man davon aus, dass die weltweiten Umsätze im Bereich Reisen und Tourismus im Jahr 2020 etwa 650 Milliarden Euro erreichen würden, jetzt erwartet man einen Rückgang um etwa 35 % gegenüber 2019.  Die Branche ist nahezu zum Erliegen gekommen, nachdem viele Firmen und natürlich auch Privatpersonen geplante Reisen storniert haben, da immer mehr Länder Verbote für nicht unbedingt notwendige Reisen erlassen haben. Es wird vermutlich 12-18 Monate dauern, bis sich die Branche wieder erholt. Aber auch Restaurants, die die schnelle Umstellung auf Online-Bestellung und Ausser-Haus-Lieferung nicht geschafft haben, sind jetzt in Schwierigkeiten, viele Gastronemen müssen ihr Geschäft aufgeben.

Während sich die Konsumenten in vielen Bereichen zurückhalten, hat die Pandemie gleichzeitig den Absatz von Sport und Entertainment-Artikeln wie Fahrrädern und Puzzlespielen in die Höhe getrieben. Die Lebensmittelbranche hat im Hinblick auf Umsatz und Kundentreue profitiert, muss nun aber in ihre digitale Transformation investieren, um sich für die Zukunft gut aufzustellen.

COVID-19: Chancen und Herausforderungen für den Einzelhandel

Was sollten Unternehmen tun, um in den kommenden Monaten und Jahren zu überleben und zurück zu einem florienden Business zu kommen? Die Maßnahmen werden sowohl kurz- als auch langfristig variieren und hängen natürlich auch von den Auswirkungen von COVID-19 auf die Art des Business ab, also ob es sich bei um ein ” essentielles ” oder “nicht essentielles ” Unternehmen im Sinne von systemrelevant handelt.

Aus infrastruktureller Sicht wird der Einzelhandel mit taktischen Überlegungen und einem “SWAT-Team”-Ansatz reagieren müssen. Das bedeutet, dass die Einzelhändler ihre Netzinfrastruktur ausbauen,  neu konfigurieren und umrüsten müssen, um widerstandsfähiger zu werden. Außerdem müssen sie wahrscheinliche Einschränkungen in Bezug auf das Netzwerk, die Web-Architektur und die Sicherheit in Betracht ziehen und ermitteln, in welchen Bereichen sie möglicherweise nicht in der Lage sind, schnell und flexibel in einem vorgegebenen Zeitfenster um das 2- bis 5-fache zu skalieren.

Innerhalb kürzester Zeit müssen Einzelhändler entscheiden, welche Cloud-Ressourcen genutzt werden können, um einen Kapazitätssprung zu ermöglichen, herausfinden, wo die Online-Kundenerfahrung sich ggf. verschlechtert hat und ob und wie gut das Unternehmen Mitarbeiter, die von zu Hause aus arbeiten, mit Mobil-, Kollaborations-, Sicherheits- und Helpdesk-Tools unterstützt.

Die nicht unbedingt systemrelevanten Einzelhändler, die sich finanziellen Turbulenzen gegenübersehen, weil sie nicht in der Lage sind, sich schnell genug an die Situation anzupassen, werden nach einem Ansatz suchen müssen, mit dem sie konkurrenzfähig bleiben und gleichzeitig ihr Unternehmen absichern können. Sie werden die Neuinvestitionen drosseln und nicht rentable Filialen schließen, Technologielösungen zur Kostenreduzierung einsetzen, den Handel intelligenter gestalten, strategischer einkaufen und nach neuen Produktlieferanten und innovativen Partnerschaften suchen müssen. Im Gegensatz zu systemrelevanten Unternehmen, die wahrscheinlich in der Lage sein werden, mit einer „Sowohl-als-auch“-Strategie in alle Richtungen zu feuern, werden diese Unternehmen mit vielen „Entweder-Oder“-Entscheidungen konfrontiert sein. Die Unternehmen der Bekleidungsindustrie, werden sich wahrscheinlich entscheiden müssen, ob sie die Anzahl der Ladenlokale als primären Marktzugang verdoppeln oder ob sie ihre Verluste an der Direktverkaufsfront senken wollen, während sie die Geschäftsbeziehungen und -partnerschaften mit Kaufhäusern und sonstigen Handelsunternehmen verdoppeln müssen.

Restaurants, Hotels und Fluggesellschaften müssen äußerst agil werden und in der Lage sein, ihre Organisationen auch während der Stilllegung oder im Rahmen von „Notdiensten“ stabil zu halten. Diese Firmen werden Fragen wie die Umgestaltung von Flächen zur effizienten und kostengünstigen Einhaltung von Richtlinien zur sozialen Distanzierung, die Skalierung von kontaktlosen und automatisierten Optionen und bei der Ausrichtung ihrer Marketingkommunikation Aspekte wie die Hygienepraxis und maßgeschneiderte Servicesoptionen in den Vordergrund stellen. Restaurants, die mit der erzwungenen Schließung von Restauranträumen konfrontiert sind, arbeiten daran, die Online-Bestellung und -Lieferung, die bisher einen stetig steigenden Umsatzanteil ausmachten, zum Hauptgeschäft zu machen. Wie in anderen Branchen auch ist es für die Unternehmen, die bereits über eine starke digitale Orderstrategie und Online-Kundenbasis verfügten, natürlich leichter als für diejenigen, die vom Inhouse-Dining leben.

Auf lange Sicht wird der Einzelhandel seine Investitionen in technologische Kapazitäten und Prozesse verstärken müssen, um so kurzfristig die bei der Skalierung des E-Commerce, der Lagerbestandsverwaltung auf Filialebene sowie des Auftrags- und Liefervolumens zutage getretenen Stolperfallen zu beseitigen.

Wie das gelingen kann, erfahren Sie in Kürze in Teil zwei unserer Artikelserie “Einzelhandel in der COVID-19-Krise”.

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