Future of Work: Die Zukunft der (messbaren) Arbeit

von Katja Schmalen

Die digitale Transformation ist weit davon entfernt, ein reines Technologie-Thema zu sein. Manche mögen argumentieren, dass die Technologie der einfache Teil der Geschichte ist – Veränderungen in den Arbeitsabläufen und Kulturen sind in der Regel eine viel härtere Nuss, die es zu knacken gilt. Als Berater von CIOs sprechen meine Kollegen und ich täglich mit Technologieverantwortlichen in Unternehmen in ganz Europa und beobachten dabei einen immer stärkeren Fokus auf die Veränderung von Organisationsstrukturen, Arbeitsabläufen und natürlich Arbeitsplätzen.

Nach dem weltweiten Experiment mit der Remote-Arbeit, das uns durch die Corona-Pandemie vor nunmehr gut einem Jahr aufgenötigt wurde, kommen nun die Tools für das Management und die Kontrolle hinzu, mit denen sich Unternehmen auf eine Belegschaft einstellen wollen, die nicht mehr ständig am Arbeitsplatz ist. In einem Blog Post von Anfang 2020 zur Future of Work zeigte meine Kollegin Holly Muscolino, dass es bereits ein Spannungsfeld gab zwischen der Flexibilität des Arbeitsplatzes und der Sicherheit. Mehr als 60 % der Teilnehmer an unserer Umfrage gaben damals an, dass die Ansprüche ihrer Mitarbeiter höher sind, als sie sie in Bezug auf die Benutzererfahrung bei der Remote-Arbeit erfüllen können.

Im Laufe des Jahres wuchs das Bewusstsein, dass es sich um eine längerfristige Situation handelt, was viele Unternehmen dazu veranlasste, sich intensiver mit den Fragen der Produktivität und des Personalmanagements zu befassen. Eine Umfrage ergab, dass einer von fünf Arbeitgebern Software zur Überwachung von Mitarbeitern, die von zu Hause aus arbeiten, einsetzt oder aber dies plant.

Die möglichen Auswirkungen auf die Privatsphäre der Mitarbeiter wurden natürlich rasch zum Thema, die „Cause Célèbre“ gegen Ende des Jahres 2020 war dann der Microsoft Productivity Score in Microsoft 365. Viele rechtliche und auch moralische Fragen wurden diskutiert – zudem stellt sich die Frage nach dem Nutzen solcher auf individueller Ebene erhobenen Zahlen. Ein Artikel auf The Register aus dieser Zeit benannte damals viele problematische Punkte, schließlich machte das Unternehmen einen Rückzieher bei der Erhebung persönlicher Daten.

Wir können allerdings sicher sein, dass dies nicht das Ende der Debatte ist. Arbeitgeber werden immer wieder an die Grenzen der Akzeptanz in Bezug auf die Überwachung von Mitarbeitern stoßen, und die Grenze zwischen verantwortungsbewusstem Management und dem Eingreifen in die Privatsphäre der Mitarbeiter bei der Arbeit von zu Hause aus muss noch gezogen werden.

Nachdem ich mit vielen Menschen mit den unterschiedlichsten Ansichten zu diesem Thema aus verschiedenen Branchen gesprochen habe, stelle ich fest, dass einige Fragen immer wieder auftauchen:

  • Wie können wir die Grenze zwischen Privat- und Arbeitsleben verwalten? Viele Menschen haben sich für die Arbeit per Fernzugriff entschieden und fühlen sich damit wohl. Aber wenn es der Mehrheit wie jetzt im zweiten Lockdown quasi aufgezwungen wird, sollten wir nicht davon ausgehen, dass jeder diese Veränderung auch bewältigen kann.
  • Wie können wir die Produktivität aufrechterhalten, wenn die natürlichen Tagesabläufe der Menschen oft nicht mehr synchron sind? Wenn wir in einem Büro arbeiten, geschieht vieles davon standardmäßig. Die Arbeitskultur und die Strukturen im Büro ist etwas, in das wir uns bewusst oder unbewusst einkaufen. Fernarbeit, besonders in diesen schwierigen Zeiten, ist eine ganz andere Sache.
  • Was genau messen wir, und wie gehen wir damit um, wenn es um die Jahresgespräche geht? Viele der Dinge, auf die wir früher Wert gelegt haben, sind für Remote Worker weniger wichtig. Sollten wir uns weniger um Inputs kümmern und uns mehr an Outputs orientieren?
  • Verfallen die Menschen jetzt einer Art “digitalem Präsentismus”? Dieses Phänomen war in der Büroumgebung schon nicht hilfreich, remote ist es vielleicht noch toxischer.

Jedes Unternehmen wird andere Antworten auf diese Fragen haben, und abhängig von der bestehenden Arbeitskultur werden sie mehr oder weniger Gewicht haben. In der Tat kann es Wege geben, wie wir unsere Arbeitskultur verbessern können – machen wir uns also nicht vor, als sei das Büro die perfekte Art, sich zu organisieren, schon gar nicht im 21. Jahrhundert. Wir haben es geschafft, in diesem erzwungenen, befristeten Experiment unsere bestehenden Strukturen zu replizieren, aber dies ist sicher nicht das angestrebte Ziel, oder?

Technologie wird, wie immer, ein grundlegender Teil davon sein, wie wir dies alles bewältigen – sie ist grundlegend für die Art und Weise, wie wir heute kommunizieren und zusammenarbeiten. Die digitale Führungskraft trägt eine große Verantwortung dafür, ihre Organisation auf dieser Reise zu begleiten, aber sie kann das nicht allein tun. Jede Führungskraft in jedem Unternehmen hat die Aufgabe, den Ton anzugeben. Unsere Arbeitskultur kann nicht durch Technologie geformt werden, aber die Technologie, die wir implementieren, und die Daten, die wir nutzen, werden zweifellos das Gerüst für Arbeitsweisen bilden, die sehr schnell zur Gewohnheit werden können.

Lassen Sie uns Prozesse aufbauen, die Menschen unterstützen, ermutigen und verbinden. Die sich so natürlich anfühlen, dass wir sie nutzen können, unabhängig davon, ob wir ins Büro zurückgekehrt sind, aus der Ferne arbeiten oder auf eine hybride Art und Weise arbeiten und die uns helfen, unsere Ziele zu erreichen, anstatt einfach nur den Input für den Prozess zu messen.

Wenn wir das nicht bewusst tun, riskieren wir eine Überwachungskultur, die der psychischen Gesundheit schadet, schlechte Entscheidungen fördert und letztlich nicht nachhaltig ist, was sowohl für Unternehmen als auch für ihre Mitarbeiter nicht gut ist. Durch die Zusammenarbeit mit unseren Kollegen, Partnern und weiteren Communities kann es eine bessere Zukunft der Arbeit geben als die, die wir hinter uns gelassen haben.


Der Autor dieses Beitrags ist Chris Weston, CIO Advisor bei IDC. Chris ist ein erfahrener IT-Leader und -Berater auf C-Level-Niveau. Die Umsetzung von Veränderungen in Unternehmen durch Technologie sind seine Passion. Der sympathische Brite hat mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Auswahl und Implementierung von Technologielösungen in vielen Industriezweigen und beschäftigt sich in jüngster Zeit intensiv mit  Zukunftstechnologien und Themen wie IoT, KI und Blockchain.

Mehr über seine Arbeit als CIO Advisor lesen Sie in diesem Beitrag.

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