Industrial IoT 2020+: Die Vertrauenswürdigkeit des Systems ist die entscheidende Komponente

von Arash

Was sollten Unternehmen bei der Ausrichtung ihrer Edge-Strategie beachten, auch im Hinblick auf verschiedene Cloud-Betriebsmodelle? Das wollten wir u.a. von Sebastian Seutter, Sr. Industry Executive Manufacturing bei Microsoft wissen.

IDC: Unternehmen und Anbieter konnten in den letzten Jahren viel Erfahrung bei der Umsetzung von IIoT-Projekten sammeln. Was macht aus Ihrer Sicht IIoT-Projekte besonders erfolgreich und wie tragen Sie zum Erfolg der Projekte Ihrer Kunden bei?

Sebastian Seutter: IIoT wird oft als Schnittmenge von Fabrikbetrieb und IT beschrieben. Daraus ergeben sich wichtige Fragen für die Anwender: Was ist ihr industrielles Geschäft? Wo liegen ihre Kernkompetenzen und wie differenzieren sie sich im Wettbewerb?

Anfangs wollten viele Unternehmen ihre IIoT-Plattformen und -Lösungen selbst aufbauen, was nicht immer gelang. Denn bei solchen Vorhaben geht es um drei wichtige Faktoren. Zuerst um Entwicklung, Betrieb und fortlaufende Innovationen: Nur wenn der gesamte Lebenszyklus betrachtet wird, stellt sich der Erfolg ein. Außerdem gilt es, alle Ebenen schlüssig zu integrieren: von der Infrastruktur (IaaS) über die Plattformen (PaaS) bis zu den Services (SaaS), die darauf basieren. Und schließlich muss man diese Ressourcen auch richtig priorisieren. Gerade Industrieunternehmen sollten sich dabei besonders auf ihr eigenes Geschäft, die Kernkompetenzen und ihre Differenzierung konzentrieren.

Microsoft bringt in diesem Bereich seine IT- und Software-Kompetenzen ein, die von den weltweit verfügbaren und skalierbaren Cloud-Infrastrukturen über das digitale Ökosystem mit unzähligen Lösungen und Partnern bis zu den industriellen IoT-Schnittstellen reichen. Mit der technologischen Durchgängigkeit von Microsoft Azure lassen  sich auch individuelle IIoT-Lösungen schnell realisieren.

IDC: Edge Computing ist wegen seiner vielen Anwendungsfälle insbesondere im Industrial IoT einer der großen Technologietrends. Welche Empfehlungen zur Ausrichtung ihrer Edge-Strategie geben Sie Ihren Kunden, auch in Bezug auf verschiedene Cloud-Betriebsmodelle?

Seutter: Wir setzen auf Offenheit und Interoperabilität von den Infrastrukturen über die Plattformen bis zu den Datenmodellen. Das empfehlen wir auch unseren Kunden, damit sie Produkte und Lösungen passend kombinieren können. Dafür steht auch unsere Kooperation mit Industrieunternehmen wie BMW, Bosch, ZF Friedrichshafen in der „Open Manufacturing Platform (OMP)“. Die unabhängige Initiative fokussiert sich auf Innovationen durch offene Standards und Referenzarchitekturen von der Edge bis in die Cloud oder in hybriden Modellen sowie auf Lösungen für IoT-Konnektivität, semantische Datenmodelle, IIoT-Referenzarchitekturen und zentrale Services für autonome Transportsysteme.

Um agil zu bleiben, empfehlen wir containerbasierte Dienste und Anwendungen. Ein verwalteter Kubernetes-Dienst erleichtert die Bereitstellung und Verwaltung von IIoT-Lösungen. Entwicklungs- und Betriebsteams können dabei gemeinsam auf einer Plattform arbeiten, um Anwendungen schnell zu erstellen, auszuliefern und zu skalieren. Doch über allem steht die Vertrauenswürdigkeit des Systems. Mit dem Industrial Internet Consortium (IIC) propagieren wir deshalb Datenschutz, Sicherheit, Verlässlichkeit und Widerstandsfähigkeit.

IDC: Bei der Vernetzung von industriellen Anlagen, insbesondere auch bei Edge-Anwendungen außerhalb der physischen Unternehmensgrenzen, hat IT-Security eine hohe Relevanz. Mit welchen Mitteln unterstützen Sie Ihre Kunden bei der Absicherung ihrer IIoT-Umgebungen?

Seutter: Wir investieren 1 Milliarde US-Dollar pro Jahr in Forschung und Entwicklung für Cyber Security und haben über 3.500 Sicherheitsexperten. Durch solche Investitionen entstehen Sicherheitslösungen wie der neue Azure Defender für IoT Edge: ein Sicherheitsmodul, das Rohdaten aus Betriebs- und Containersystemen sammelt, aggregiert und analysiert und dann Empfehlungen oder Warnungen ausspricht.

Ein weiteres Beispiel ist der IoT Edge Security Manager, der die Integrität von Edge-Geräten und ihren Software-Vorgängen schützt. Außerdem stellen wir Programme und Ressourcen bereit, mit denen Unternehmen sichere Architekturen und Infrastrukturen aufbauen können. Unser AI & IoT Lab in München können sie beispielsweise gratis nutzen, um dort sichere IIoT-Lösungen zu bauen.

IDC: Daten sind Enabler für neue IIoT-Geschäftsmodelle, können aber auch ein Hindernis für die erfolgreiche Umsetzung sein, wenn Kunden die falschen Daten oder am falschen Ort analysieren. Welchen Beitrag leisten Ihre Lösungen für eine effektive und effiziente Datenverarbeitung?

Seutter: Wir arbeiten mit Kunden wie Zeiss an der Nutzung von Azure-Hochleistungs-Computer-, KI- und IoT-Diensten. Sie ermöglichen ihnen neue Qualitätsmanagement-Lösungen, die auf der Verarbeitung hybrider, industrieller Messtechnikdaten basieren.

Dabei werden besondere Anforderungen für Datensicherheit und Analysen an das Edge-Computing gestellt. Deshalb werden unsere Produkte, wie Azure SQL Database, jetzt speziell für Edge-Szenarien weiterentwickelt und angepasst: Analysefunktionen werden im Cloud- oder Edge-Umfeld mit niedriger Latenz bereitgestellt und dazu werden Datenstreaming und Zeitreihen mit datenbankinternem Machine Learning und der Unterstützung von Graphdaten kombiniert.

Wichtig sind auch gemeinsame Programmieroberflächen. Damit können Anwendungen an beliebigen Orten einmal entwickelt und dann überall bereitgestellt werden, was viel Entwicklungszeit spart.

IDC: IIoT-Anbieter präsentieren sich am Markt entweder als Generalisten oder als Spezialisten für einzelne Branchen oder Anwendungen. Wie planen Sie Ihr IIoT-Angebot in den kommenden Jahren weiterzuentwickeln?

Seutter: Wir setzen verstärkt auf offene Plattformen, Standards und Datenmodelle sowie auf Open Source. Denn wir haben das Ziel, IIoT zu vereinfachen, und wollen mit unseren Angeboten die industriespezifischen Anforderungen immer besser adressieren.

Zusammen mit Anwendern und Partnern arbeiten wir daran, dass Industrieunternehmen ihr Domänenwissen und ihre Erfahrung mit der industriellen Operations Technology (OT) als Kompetenz einbringen können. Dies geht von Produkten wie Endgeräten (Sensoren, Aktoren etc.) bis zur Steuerung von Fertigungsabläufen.

Ein gutes Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen und Partnern wie Siemens im Bereich MindSphere: Siemens ist unser industrieller Partner, der sein Domänenwissen einbringt und mit seiner Größe extrem gut skaliert, um gemeinsame IIoT-Lösungen langfristig erfolgreich zu machen.


Case Study: Gebr. Brasseler GmbH & Co. KG

Gebr. Brasseler produziert weltweit anerkannte Instrumente für die Dentalbranche, die Chirurgie und die Schmuckindustrie, die in über 100 Ländern vertrieben werden. Innovationen und verschärfte Regulierungen fordern die Medtech-Branche heraus. Datenanalysen und maschinelles Lernen (ML) sollen die Wettbewerbsfähigkeit stärken, doch die Verfahren erfordern Spezialwissen. Der Industrie-Einsatz von ML wird oft durch fehlende Kompetenzen gebremst. Wie Brasseler diese Herausforderung lösen konnte, lesen Sie in dieser Case Study.

Das könnte Sie auch interessieren