Industrial IoT 2020+: Warum IIoT-Projekte ohne tiefe Prozess- und Anlagenkenntnisse nicht funktionieren

von Katja Schmalen

Was macht IIoT-Projekte erfolgreich, welche Kriterien sind dabei entscheidend? Darüber haben wir uns kürzlich mit Dr. Bernhard Kirchmair, CDO bei Vinci Energies, ausgetauscht.

IDC: Unternehmen und Anbieter konnten in den letzten Jahren viel Erfahrung bei der Umsetzung von IIoT-Projekten sammeln. Was macht aus Ihrer Sicht IIoT-Projekte besonders erfolgreich und wie tragen Sie zum Erfolg der Projekte Ihrer Kunden bei?

Dr. Bernhard Kirchmair: Der Erfolg eines IIoT-Projektes steht und fällt mit dem gesamtheitlichen Wissen des Projektteams vom Kunden bis hin zum Systemintegrator. Neben einem Tiefenwissen für Anwendungen im Bereich IT (Axians) ist es nötig, die industriellen Kriterien und Anforderungen der Betreiber (Actemium) zu verstehen. Neben einer geeigneten Plattform als technologischer Basis sind tiefe Prozess- und Anlagenkenntnisse ebenso von großer Bedeutung.

IDC: Edge Computing ist wegen seiner vielen Anwendungsfälle insbesondere im Industrial IoT einer der großen Technologietrends. Welche Empfehlungen zur Ausrichtung ihrer Edge-Strategie geben Sie Ihren Kunden, auch in Bezug auf verschiedene Cloud-Betriebsmodelle?

Dr. Kirchmair: Ein wichtiger Punkt in der Veränderung der Automatisierungslandschaft sind die leistungsfähige und zuverlässige Vernetzung von Produktionsstandorten sowie die lokale Verarbeitung von komplexen Daten. Um die Antwortzeiten bei der Datenverarbeitung zu minimieren, kann mittels Edge Computing am Produktionsstandort eine deutliche Verbesserung herbeigeführt werden, indem die Notwendigkeit der Datenübertragung in ein zentralisiertes Rechenzentrum entfällt. Wir beraten unsere Kunden zielgerichtet anhand der individuellen Notwendigkeiten im Betriebsablauf und empfehlen in vielen Fällen eine Kombination aus zentraler Datenverarbeitung in der Private Cloud und der dezentralen Auslagerung komplexer und zeitkritischer Abläufe in die Edge Cloud. Ganz wesentliche Aspekte für eine erfolgreiche Umsetzung sind die Berücksichtigung der Sicherheitsanforderungen mittels ganzheitlicher Strategien sowie eine effiziente und nachvollziehbare Umsetzung der Infrastrukturautomatisierung.

Bereits heute entwickeln wir maßgeschneiderte Gesamtlösungen für Carrier und Service Provider sowie Enterprise-Kunden auf Basis unserer Automatisierungserfahrung sowie der technischen Bestandteile unserer strategischen Partner und haben hier auch eigene Lösungen konfiguriert, die im industriellen Kontext Anwendung finden können. Neben der Integration und Kommissionierung der Hardware übernehmen wir hierbei auch den Betrieb der Edge-Computing-Einheiten und integrieren diese mittels automatisierter Prozesse in die Netze unserer Kunden. Gerade im Zusammenhang mit leistungsstarken Campus-Netzen auf Basis von 5G oder WiFi ergeben sich dadurch entscheidende Vorteile für die Flexibilität und Leistungsfähigkeit von Kundennetzen, insbesondere auch im Kontext von IoT und Industrie 4.0.

IDC: Bei der Vernetzung von industriellen Anlagen, insbesondere auch bei Edge-Anwendungen außerhalb der physischen Unternehmensgrenzen, hat IT-Security eine hohe Relevanz. Mit welchen Mitteln unterstützen Sie Ihre Kunden bei der Absicherung ihrer IIoT-Umgebungen?

Dr. Kirchmair: IoT findet man mittlerweile nicht nur in der IT-Welt, sondern auch in der OT-Welt. Folglich betrachten wir die Sicherheit zusammenhängend über IT und OT. Meistens starten wir mit einem Workshop im Bereich IT/OT/IoT-Security. Wir bieten unseren Kunden Awareness Trainings an, denn neue Prozesse bringen neue Fallstricke mit sich. Zu unserem Angebot gehören auch aktive und passive Scanning Services – von der Asset Discovery über die Anomalie- bzw. Schachstellenerkennung bis hin zum Security Compliance Check inkl. Penetrationstests sowie zu integrierten IT/OT-SOC (Security Operations Centre) Services. Und falls der Ernstfall unerwarteterweise doch einmal eintreten sollte, stehen wir mit einem Notfalleinsatzteam zur Hand für die Ad-hoc-Analyse sowie die Eindämmung des Vorfalles, für die spätere forensische Analyse und zur Unterstützung bei der Anpassung von Richtlinien, Arbeitsanweisungen und Prozessen, um ähnlich gelagerte Vorfälle für die Zukunft zu vermeiden.

IDC: Daten sind Enabler für neue IIoT-Geschäftsmodelle, können aber auch ein Hindernis für die erfolgreiche Umsetzung sein, wenn Kunden die falschen Daten oder am falschen Ort analysieren. Welchen Beitrag leisten Ihre Lösungen für eine effektive und effiziente Datenverarbeitung?

Dr. Kirchmair: Die Basis für IIoT-Geschäftsmodelle wie Predictive Maintenance ist das Verproben von Algorithmen auf historischen Daten. Viele Kunden sind meist in der Lage, ihre Kostentreiber und damit besonders kritische Anlagen zu identifizieren. Verprobt man vorkonfigurierte Modelle mit historischen Daten, kann man sehr schnell die Korrektheit, aber vor allem auch die Werthaltigkeit der Daten abfragen. Indem man anschließend zu den ermittelten Datenpunkten auch Konnektoren für die Datensammlung einsetzt, können unsere IoT-Lösungen nicht nur Condition Based Monitoring anwenden, sondern auch langfristig Prädiktionen treffen, die eine effektive Instandhaltung nach ISO 55001, also dem optimalen Mix aus Kosten, Risiken und der Performance von Anlagen, ermöglichen.

IDC: IIoT-Anbieter präsentieren sich am Markt entweder als Generalisten oder als Spezialisten für einzelne Branchen oder Anwendungen. Wie planen Sie Ihr IIoT-Angebot in den kommenden Jahren weiterzuentwickeln?

Dr. Kirchmair: Wir sind als VINCI Energies mit unseren Marken Axians und Actemium Generalist in der Technologie und Spezialist im Anwendungsfall. Wir haben als Systemintegrator das Glück, sowohl sehr leistungsfähige generische IIoT-Plattformtechnologien als auch eine durch viele Industrieprojekte erarbeitete vertikale Domänenkompetenz anbieten zu können. Die IIoT-Plattform ist für uns nur ein Hygienefaktor, wenn auch ein wichtiger. Der eigentliche Nutzwert entsteht insbesondere aus den Ableitungen, die man aus den erhobenen Daten für die Betriebsoptimierung, Wartung und Instandhaltung sowie Umsetzung neuer digitaler Angebote trifft. Voraussetzung dafür ist Spezialisierung im Sinne von Prozesswissen und betriebswirtschaftlichen Effekten. Unser zukünftiges Angebot orientieren wir weiterhin an den großen Herausforderungen der Industrie, wie beispielsweise Energiemanagement, Flexibilisierung der Produktion und weitergehende Automatisierung.


Case Study: Pilz GmbH & Co. KG

Der Maschinen- und Anlagenbauer Pilz wollte ein ganzheitliches OEE Management für die Steuerung der Produktivität, Rentabilität und Effektivität von Produktionsanlagen. Konkret gingt es hier um die ermittelten Werte für Leistung, Qualität und Kapazität je Maschine. Ein effektives OEE Management hat zentrale Bedeutung für den wirtschaftlichen Blick auf die Produktion.  Bei Pilz arbeitete man in dieser Hinsicht mit Daten auf XML-Basis, die nicht ausreichend automatisiert waren und deren Erstellung sich als zu (zeit)aufwendig gestaltete. Wie Pilz diese Herausforderung lösen konnte, lesen Sie in dieser Case Study.

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