Jenoptik CIO Frank Liptow im Interview: Wir nutzen alle Spielarten von Cloud-Lösungen, der Wunsch unserer Kunden entscheidet mit

von Katja Schmalen

Cloud First oder Cloud Only? Spannende Frage, zu der wir uns in Vorbereitung des IDC Digital Summit Multi Cloud für IT-Entscheider aus der DACH-Region mit Frank Liptow, CIO bei Jenoptik ausgetauscht haben.

IDC: Herr Liptow, Jenoptik als Technologieunternehmen ist prädestiniert für die Nutzung von Cloud-Technologie und Cloud Services. Erzählen Sie doch mal: Welche Lösungen setzen Sie aktuell für welchen Use Case ein und was planen Sie für die nähere Zukunft?

Frank Liptow: In der Tat nutzen wir bereits alle Varianten des ‚as-a-service‘. Vom Housing über PaaS und natürlich SaaS in Form großer und kleiner Applikationssysteme. Und wir setzen dabei unter Berücksichtigung regionaler und lokaler Anforderungen zum Einen auf Services, die tatsächlich nur lokal angeboten werden – aber auch auf globale Anbieter.

Die wichtigsten Use Case sind Entwicklungsumgebungen, die Unterstützung der Vertriebsprozesse mit dem CRM-System, aber auch Datenbackups in einigen Regionen, die uns ‚server-free‘-Standorte ermöglichen.

Der nächste Schritt wird die Validierung des Einsatzes einer Plattform für unsere Kunden sein – wobei wir hier prüfen, ob wir eine der bekannten Plattformen nutzen können oder eine Eigenentwicklung uns einen höheren Nutzen bringt.

Mir ist es wichtig gleich hier zu betonen, dass uns die Belange des Datenschutzes und auch derjenigen des Datentransfers in Drittländer (Schrems II) natürlich besonders wichtig sind. Gerade hier ist die IT in der Pflicht, den Fachbereichen beratend und auch weisend zur Verfügung zu stehen, Entscheidungen entsprechend vorzubereiten und Empfehlungen auszusprechen.

IDC: Wir haben uns ja bereits ein wenig ausgetauscht im Vorfeld und wissen aus unseren Gesprächen, dass Sie im Team „Cloud First“ spielen. Da wir hier nicht selten auf verschiedene Interpretationen treffen: Wie definieren Sie Cloud First?

Frank Liptow: Cloud first bedeutet für uns die kluge Nutzung bestehender Services und Lösungen, von RPA über Werkzeuge zum Architekturmanagement und Business-Process-Management. Gleich danach kommt die Nutzung großer Standard-Software für die Unterstützung der Geschäftsprozesse, wie das erwähnte CRM System. Und wie erwähnt nutzen wir alle Spielarten der Cloud-Lösungen, von Infrastrukturen als Service (Hosting und Housing) für die verschiedenen Einsatz-Zwecke.

Wir haben für unsere Projektleiter zusammen mit unseren Nachbarabteilungen „Recht“ und der „Risk und Compliance“ Abteilung deshalb einen Leitfaden entwickelt, der im Projekt eine Hilfestellung gibt und ganz praktische Anleitungen zum Umgang mit Cloud-Lösungen enthält. Damit ist es möglich, auch Fragestellungen, rund um die Datenklassifizierung und die notwendige Konfiguration der Lösungen richtig umzusetzen. Insofern ist also „Cloud first“ ein ganz praktischer Ansatz, der aber auch manchmal nicht umgesetzt werden darf.

IDC: Warum kam für Sie ein Cloud Only Ansatz nicht in Frage? Welche Kriterien haben Sie in Ihrer Entscheidungsfindung herangezogen?

Frank Liptow: Es ist uns in einigen Fällen – die Jenoptik ist im Hoch-Technologie-Sektor unterwegs – beispielsweise basierend auf Kundenwünschen oder von regulatorischen Anforderungen her kommend, nicht möglich einen Cloud Only Ansatz zu fahren. Diese Kundenwünsche und die regulatorischen Anforderungen stehen also ganz oben bei allen Entscheidungen zu den von uns angebotenen und eingesetzten Lösungen.

Erst im Folgenden schauen wir auf die reinen Kosten – wir müssen ja bedenken, dass auch die Fachkräfteknappheit einpreisen sollten und da wiegt ein Projekt mit einem hohen Business-Value manchmal die vermeintlich höheren Kosten einer Subskription auf – nämlich dann, wenn der Mitarbeiter ein Business-Projekt umsetzen kann.

Wir haben deshalb eine  Hybrid-Datacenter-Strategie erarbeitet, die uns hilft, die Entscheidungen rasch zu treffen und so die Vorteile von Cloud-Lösungen zu nutzen, und gleichzeitig Sicherheit und regulatorische Anforderungen abzudecken. Bestandteil dieser Strategie ist das ‚Data placement‘, in dem wir festlegen, welche Informationen oder Daten in welchem Lebenszyklus nicht ohne Weiteres in einer Cloud gespeichert werden dürfen.

IDC: Welche Stakeholder bei Jenoptik mussten Sie mit ins Boot holen, um einen Cloud First-Ansatz durchzusetzen bzw. zu etablieren? Wir gehen davon aus, dass es nicht nur die vielleicht technologieaffinen Kollegen aus dem Vorstand und den Fachabteilungen waren und Sie sicherlich auch den ein oder anderen Gegenwind gespürt haben?

Frank Liptow: Wir stellen fest, dass wir sehr viele gute und versierte Kollegen in allen Bereichen haben, nicht nur in der IT. Wir sehen daher auch viele clevere kleine Cloud-Lösungen, die genutzt werden. Unsere IT Security kann diese Nutzungen sehr effizient analysieren und unterstützt bei der Bewertung und der Einrichtung eines sicheren Zugangs.

Es sind also in erster Linie unser CEO und die Leiter unserer Divisionen, die Geschwindigkeit, Flexibilität und Sicherheit erwarten und erwarten dürfen, ein weiterer Stakeholder ist unser CFO – nämlich dann, wenn wir einen Business Case mit realisierbarem Nutzen vorlegen können.

Natürlich diskutieren wir auch IT intern oft und manchmal kontrovers, wie wir eine Lösung umsetzen. Das führt dann bisweilen zur Anpassung unserer Strategiepapiere.

IDC: Welche Ratschläge würden Sie aus Ihrer heutigen Erfahrung heraus anderen IT-Chefs mitgeben wollen, die noch ganz am Anfang ihrer Cloud-Reise stehen?

Frank Liptow: Es erstaunt mich noch immer, dass wir vor noch nicht allzu langer Zeit, sagen wir vor 4-5 Jahren, in manchen Branchen noch ganz cloud-avers unterwegs waren. Inzwischen gehe ich aber davon aus, dass niemand mehr ganz am Anfang der Reise steht.

Gerne teile ich hier noch drei Take-Aways, falls Sie noch nicht auf der Reise sind, oder gerade erst Ihren Rucksack packen:

  1. Erstellen Sie eine auf Ihr Unternehmen abgebildete ‚help note‘ (ich sage bewusst nicht Richtlinie, leider gibt es kein gutes deutsches Wort) zum Thema Datenschutz, Datensicherheit und Datenzugriff
  2. Schauen Sie genau auf die Fachbereiche, die bisher einfach mal eine virtuelle Maschine in der IT gebucht haben (Tipp: R&D 🙂 ) und analysieren Sie Ihre Legacy Landschaft, sorgen Sie dort für Transparenz – lassen Sie dabei niemals die IT-Sicherheit außer Acht – Sie werden erstaunt sein, wieviel Potential für Cloud-Lösungen sich dort finden
  3. Binden Sie Ihre IT-Spezialisten ein und entwickeln Sie mit diesen gemeinsam eine robuste, flexible und schnelle Landschaft für Ihr Business.

 


Frank Liptow, CIO bei Jenoptik

Seit März 2019 ist Frank Liptow CIO des Photonik-Konzerns Jenoptik. Frank Liptow berichtet an den Finanzvorstand der JENOPTIK AG, Hans-Dieter Schumacher. Die IT der Gruppe umfasst Einheiten in Europa, Asien und Amerika.

Schwerpunkte der Tätigkeit sind die konsequente Einführung eines durchgängigen Architekturmanagements – sowohl in Bezug auf alle IT Schichten, als auch auf alle Business Capabilities, die Entwicklung einer Hybrid Datacenter Strategie und die Umsetzung der ERP Strategie des Konzerns.

Liptow kennt die Vorteile eines stringenten Architekturmanagements, die sich von der Analyse von Anforderungen, die Definition und Gestaltung der Datenflüsse, über Change-Impact Analysen bis hin zum Business-IT-Alignment beschreiben lassen. Alle Applikationen und die mit ihnen verbundenen technischen Komponenten werden einheitlich und nachhaltig beschrieben und in Projekten und Changes ist das Architekturmanagement prozedural eingebunden. Liptow setzt dieses Werkzeug auch in den Diskussionen zur Digitalisierung und der Verbindung vom Kunden zum Backbone ein.

Die Grundlage erfolgreicher ERP Projekte beschreibt Liptow folgendermaßen: ‚Pragmatismus und ein GoLive mit KPIs und eine gute und intensive Zusammenarbeit mit den Anwendern sind die Erfolgsfaktoren für erfolgreiche ERP Projekte‘.

Der Geo-Physiker, Alumni der Universität Karlsruhe und des IMD in Lausanne, arbeitete zuvor bei der HOMAG Group als Vice President IT und war auch für den Bereich R&D Prozesse, Methoden und Systeme verantwortlich. Er war Mitglied des Digitalisierungs-Lenkungskreises und des IT Lenkungskreises.

Liptows berufliche Stationen zuvor waren Leiter der Business Process Solutions und weitere Aufgaben bei der TRUMPF GmbH + Co. KG. Zuvor bekleidete Liptow verschiedene Positionen bei der Allianz Versicherung (Allianz Deutschland AG, Allianz Lebensversicherungs AG), als Releasemanager, Projektleiter und Managing IT Professional war Liptow bei der Allianz in Großprojekten leitend tätig. Zu Beginn seiner Laufbahn war Liptow in kleineren Systemhäusern als Berater und Projektleiter angestellt.

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