Ostrom: Wie ein Berliner Start-up den Energiemarkt digital aufmischt

von Katja Schmalen

Im Vorfeld des IDC Utilities Summit vom 9.-10. Mai im spanischen Malaga hatten wir die Gelegenheit, uns mit den Matthias Martensen und Karl Villanueva, den beiden Gründern des Berliner Start-Ups Ostrom auszutauschen. Im Interview verraten uns die beiden, wie sie mit Ostrom den deutschen Energiemarkt endlich digitalisieren wollen und es Verbraucher:innen mit ihrer Plattform ermöglichen, den eigenen Verbrauch digital zu verwalten – und somit auch zu reduzieren.

IDC: Um der Klimakrise entgegenzuwirken, will Ostrom 100 % Ökostrom für ganz Deutschland zugänglicher und inklusiver machen. Tolle Idee! Aber bevor wir ins Thema einsteigen: Stellt euch doch bitte erstmal kurz vor.

Matthias Martensen: Die Idee zu Ostrom kam mir während meiner Zeit als Berater von Energieunternehmen bei Oliver Wyman. Als ich gesehen habe, wie umständlich und verwaltungsintensiv alles war – von 90 % Offline-Marketingbudgets bis hin zu hochmanuellen Backend-Prozessen – habe ich im Dezember 2020 gekündigt, um einen eigenen, besseren Stromanbieter für Deutschland zu gründen.

Karl Villanueva: Ich kam einige Wochen später dazu, um bei der Kundenakquise und der Customer Experience zu unterstützen, zuvor hatte ich in mehreren B2C-Start-ups gearbeitet, etwa bei HelloFresh, einem der führenden Anbieter von Kochboxen. Ich war auf der Suche nach einem Job als Mitbegründer in einem Start-up, seit ich der Berliner Kohorte von Entrepreneur First beigetreten war.

Ostrom Gründer

IDC: Danke für das Intro! Ihr digitalisiert mit Ostrom den deutschen Energiemarkt, liest man auf eurer Webseite. Wie konkret dürfen wir uns das denn vorstellen?

Martensen: Ostrom ermöglicht es Haushalten in Deutschland, so günstig und unkompliziert wie möglich auf Ökostrom umzusteigen. Wir haben nur einen einzigen flexiblen Monatstarif, einen durchgängigen mehrsprachigen Support auf der Website, einen Live-Chat für die Kundenbetreuung und beziehen nur 100 % Ökostrom. Anders als bei den klassischen deutschen Energieversorgern, bei denen 12- bis 24-monatige Vertragsbindungen, ein nicht existierender Kundenservice und papier- und faxbasierte Backend-Prozesse den Status quo ausmachen, ist Ostrom die Alternative wie Strom im 21. Jahrhundert aussehen muss.

Villanueva: Die gängige Praxis bei Energieversorgungsunternehmen in Deutschland ist es, die Kunden mit einem hohen Anfangsrabatt, aber einer langen Bindungsfrist zu ködern, die automatisch um ein oder zwei weitere Jahre verlängert werden soll. Mit seinem einfachen und flexiblen Angebot will Ostrom die Energiewende weiter vorantreiben.

IDC. Spannend! Aber was genau macht Ostrom denn jetzt eigentlich so viel kundenfreundlicher?

Die App vom Ostrom GründerVillanueva: Kundenorientierung ist letztlich eine Mentalität, die sich im Aufbau der eigenen Prozesse und der Organisation niederschlägt. Traditionelle Versorgungsunternehmen hatten den Luxus, aus einer Branche mit Monopolstellung zu kommen, in der ihnen alle Kunden in ihrem jeweiligen Gebiet zufielen. Deshalb spricht die Energiewirtschaft in Deutschland von “Zählpunkten” und nicht von Kunden, was viel über die Mentalität traditioneller Unternehmen und die Art und Weise aussagt, wie sie die Dinge angehen – unpersönlich und sehr langsam in der Kommunikation.

Bei Ostrom haben wir diesen Luxus nie gehabt, wir mussten um jeden einzelnen Kunden kämpfen. Zunächst einmal, um unsere ersten Kunden zu gewinnen, aber auch, um jeden einzelnen zu binden. Das bedeutet, dass wir uns voll und ganz auf unsere Kunden konzentrieren und unsere Mitarbeiter befähigen, jegliche Probleme so effizient wie möglich zu lösen. Außerdem bieten wir in unserer App clevere Self-Service-Tools an, die unsere Kunden über ihr Konto selbst verwalten können. All das zusammen macht uns zu einem der kundenorientiertesten Versorger in Deutschland.

IDC: Und dafür feiern euch eure Kunden, nehmen wir an?

Villanueva: Unsere Kunden lieben Ostrom. Auf Trustpilot sind wir mit Abstand der am besten bewertete Versorger Deutschlands mit einer Bewertung von 4,9/5.

Martensen: Ostrom wurde im Bewusstsein gegründet, dass sich die Energie-Landschaft in den nächsten 5 bis 10 Jahren komplett verändern wird. Wir haben uns voll und ganz darauf konzentriert, mit unserem nachhaltigen und flexiblen Tarif ein überzeugendes Wertversprechen zu entwickeln, das sich nicht zuletzt in der hervorragenden Akzeptanz unseres Angebots zeigt.

Ostrom wird die führende Plattform für Energiemanagement für Endverbraucher sein. Das fängt beim variablen Stromtarif für Ihr Haus an, geht über die dynamische Preisgestaltung in Verbindung mit Ihrem E-Ladegerät bis hin zur Speicherung von Energie aus Ihrer persönlichen Photovoltaikanlage – alles verwaltet in der Super-App von Ostrom, mit einem klaren Ziel: Volatilitäten zu nutzen und Energieflüsse zu optimieren, um Kosten zu sparen. Auf der anderen Seite tragen wir auch zur Stabilisierung der Netze bei, indem wir den Kunden Anreize bieten, Energie zu nutzen, wenn sie in großen Mengen vorhanden ist.

IDC: Wo geht die Reise für Ostrom hin, wo seht ihr euch in Zukunft?

Martensen: Wir sehen die laufende Energiewende sowohl als größte Herausforderung als auch als größte Chance. Wir sehen gerade, wie abhängig wir von fossilen Brennstoffen sind und dass wir diese Abhängigkeit so schnell wie möglich reduzieren müssen – indem wir sie durch erneuerbare Energien ersetzen. Das stellt die bestehende Infrastruktur, die nicht für derartige Schwankungen, sondern für eine stabile Energieerzeugung und -nutzung gebaut wurde, vor große Herausforderungen.

In den letzten sechs Monaten haben wir große Preisschwankungen erlebt, wir müssen diese Preissignale näher an den Kunden bringen: Letztendlich muss der Kunde verstehen, dass Energie keine feste Größe ist, sondern schwankt – ähnlich wie der Benzinpreis. Diese engere Rückkopplungsschleife schafft auch Anreize für die Kunden, weniger Energie zu verbrauchen, und nicht mehr. Und genau so muss unserer Meinung nach der Energieeinzelhandel im Jahr 2030 aussehen.

IDC: Vielen Dank für den Austauch, das war interessant. Wir sehen uns in Malaga.

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