Von Ford zu Tesla: Was die Geschichte der Automobilindustrie mit der Cloud zu tun hat

von Katja Schmalen

Etwa ein Jahrhundert vor Uber und Lyft gab es rund 120.000 Pferde in New York City, der durchschnittliche New Yorker unternahm etwa dreihundert Kutschfahrten pro Jahr. Dann kam die Ära der Automobile, die den Personenverkehr revolutionierte und nebenbei dafür sorgte, dass der Pferdemist von den Straßen verschwand – ein gewaltiges Problem übrigens zu dieser Zeit. Doch die Euphorie über die benzinschluckenden Autos währte nur wenige Jahrzehnte, bis Staus, Umweltverschmutzung, Unfälle und die Sorge um den Klimawandel die nächsten transformativen Ideen katalysierten – Elektrofahrzeuge, Drohnen und Hyperloop. Die Geschichte vom Pferd zum Hyperloop ist vergleichbar mit der Migration von Anwendungen aus traditionellen Rechenzentren in die Cloud.

Cloud Computing: Was wir von der Automobil-Adoption lernen können

Lassen Sie uns einen kurzen Blick darauf werfen, was die Masseneinführung von Automobilen voraussetzte. Zuerst musste es eine Standardisierung der Fahrzeuge geben – wenn man einen Ford fahren konnte, sollte man auch einen GM fahren können. Dank Henry Ford entwickelten die Autohersteller hocheffiziente Fließbänder, die Autos wie Burger produzieren konnten.

Im nächsten Schritt mussten die Kunden geschult und für das Autofahren qualifiziert werden – nur weil man Reiten konnte, konnte man noch lange kein Auto steuern. Auch eine neue Infrastruktur war entscheidend – Tankstellen, asphaltierte Straßen und Autobahnen spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Autos. Die Verbreitung von Autohäusern und neue Finanzierungsmöglichkeiten waren entscheidend für den Verkauf und das Marketing von Automobilen.

Streikte das Auto oder hatte eine Panne, brauchten die Menschen flächendeckenden Zugang zu zuverlässigen Werkstätten und Autoteileläden. Es folgten eine Vielzahl von Gesetzen zu Geschwindigkeitsbegrenzungen, dem Anlegen von Sicherheitsgurten – um nur einige zu nennen. Schließlich entwickelte sich ein lebendiges Ökosystem rund um die Automobilkultur – Raststätten an Autobahnen, um Lastwagenfahrer zu versorgen, Autokinos, Drive-in-Restaurants und so weiter.

All diese Entwicklungen lassen sich auf die Cloud-Einführung übertragen. Die Standardisierung unter den Cloud-Diensten umfasst Cloud-native Anwendungen, die mit infrastrukturunabhängigen Technologien wie Open-Source-Plattformen, Containern, Orchestrierungs-Tools wie Kubernetes und gemeinsamen APIs erstellt werden. „Write once, run anywhere“ ist der Goldstandard für Entwickler.

Da immer mehr Unternehmen auf das Multi-Cloud-Modell umsteigen, wird die Interoperabilität von Anwendungen unerlässlich. Diese Grundsätze der digitalen Transformation werden von Unternehmen verstanden. Deshalb fließen 38 Prozent der Unternehmensausgaben für Cloud Compute in Container und Serverless Computing, wie aus dem IDC Cloud Pulse (Q4 2020) hervorgeht.

Das “Fließband” in einem modernen Unternehmen wird durch DevOps-Best-Practices verdeutlicht, die die Zeit für die Entwicklung, das Testen und die Bereitstellung neuer Anwendungen erheblich reduzieren. Lose verbundene Teams können unabhängig voneinander an verschiedenen Aspekten eines Projekts arbeiten, während Automatisierung und kontinuierliches Feedback die gesamte Pipeline beschleunigen. In Abkehr von traditionellen Ansätzen kann DevOps Updates und Fixes für Anwendungen wöchentlich oder sogar täglich veröffentlichen, anstatt monatelang zu warten.

Modulare Anwendungsarchitekturen und Microservices bieten die für schnelle Innovationen erforderliche Agilität und Flexibilität. Low-Code- und No-Code-Plattformen, die die Anwendungsentwicklung vereinfachen, werden sich ebenfalls immer mehr durchsetzen. Wettbewerbsvorteile sind ein existenzielles Muss – wenn Ihr Konkurrent das Ford Model T anbietet, können Sie nicht Pferd und Wagen vermarkten. Wie der IDC Cloud Pulse zeigt, ist das vorrangige Geschäftsziel von Cloud-Kunden die Innovation neuer Produkte und Services, auf Platz 3 rangiert die Bereitstellung digitaler Produkte.

Cloud-Adoption in Aktion

Kürzlich verkündete Amazon das visionäre Ziel, in den nächsten fünf Jahren weltweit 29 Millionen Menschen über Cloud Computing aufzuklären. Derartige Bemühungen zur Demokratisierung von Wissen und Know-how sind grundlegend für den Erfolg der digitalen Wirtschaft. Wie Fahrschulen für Autos benötigen wir “Cloud-Schulen”. Auf Unternehmensebene kämpfen die Firmen immer noch mit der Kompetenzlücke in Sachen Cloud. In der IDC-Umfrage “Cloud Pulse” (Q1 2020) bewerteten sich nur 45 Prozent der Cloud-Kunden selbst als sehr gut – 5 auf einer Skala von 1 bis 5 – in Bezug auf die Cloud-Kompetenz.

Die Infrastruktur – sowohl für Cloud-Anbieter als auch für Kunden – ist der Dreh- und Angelpunkt der Cloud-Einführung. Einerseits benötigen Rechenzentren ausreichend leistungsfähige Server, Speicher und Netzwerke, um den exponentiellen Anstieg der Arbeitslasten zu bewältigen. Auf der anderen Seite sind große, fette Pipelines aus Glasfaserkabeln und 5G-Netzwerken – genau wie Autobahnen – für die Bewegung von Daten, dem Lebenselixier der digitalen Wirtschaft, unerlässlich.

Natürlich erfordert ein solches Ungetüm hochentwickelte Software für einen effizienten und wirtschaftlichen Betrieb. So ist es kein Wunder, dass die Ausgaben für Cloud-Infrastruktur und -Services rasant wachsen. Erkenntnisse aus der IDC Cloud Pulse Umfrage (Q4 2020) bestätigen dieses Phänomen – so geben beispielsweise 80 Prozent der Großunternehmen mehr als 1 Mio. US-Dollar pro Jahr für Public und Private Clouds aus.

Genau wie Tempolimits und Abgaskontrollen klingen Cloud-Sicherheit und Compliance nicht sonderlich aufregend, sind aber Notwendigkeiten, die jedes Unternehmen im Blick haben muss. Die Migration von Anwendungen aus traditionellen Rechenzentren mit Perimeterkontrolle in die relativ offene Cloud erfordert neue Paradigmen für Sicherheit und Governance. Vorschriften zur Datenhoheit und zum Datenschutz werden äußerst komplex, wenn Unternehmen Mitarbeiter, Partner und Kunden auf der ganzen Welt haben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Cybersicherheit der entscheidende Faktor bei der Auswahl von Cloud-Management-Software und -Services ist.

Das umfangreiche Ökosystem rund um Cloud-Technologien spielt eine entscheidende Rolle bei deren Akzeptanz. Von Managed Service Providern und ISVs bis hin zu Systemintegratoren und Startups gibt es zahlreiche Nischenplayer, die außergewöhnliche Produkte und Services anbieten, um die breite Akzeptanz der Cloud voranzutreiben. Im IDC Cloud Pulse Q3 2020 haben wir festgestellt, dass die Gesamtbewertung von Cloud-Anbietern spürbar von der Leistung ihrer Technologiepartner beeinflusst wird.

Wie geht es weiter?

Henry Ford wäre zweifellos beeindruckt von der Gigafactory von Tesla, in der Roboter batteriebetriebene und selbstfahrende Autos zusammenbauen. Während die Entwicklung von Ford zu Tesla ein Jahrhundert gebraucht hat, steht die nächste Generation der Cloud vor der Tür. Genau wie autonome Fahrzeuge wird auch die zukünftige Cloud intelligent und autonom sein, dank AIOps. KI/ML wird für Sicherheit, Performance-Feintuning, Provisionierung, vorausschauende Wartung, Kundensupport und sogar Coding eingesetzt werden. Roboter in Rechenzentren werden Hardware installieren und austauschen.

Die Cloud der nächsten Generation wird dank des zunehmenden Edge-Computings, der Smart Cities und des IoT stark verbreitet sein. Diese ” Everywhere Cloud” wird durch ein robustes Netzwerk mit enormer Bandbreite und ultraniedriger Latenzzeit verbunden sein. Schließlich werden wir einem hybriden Multi-Cloud-Modell, dem Heiligen Gral des Cloud Computing, sehr nahe kommen. Weit in der Zukunft wird Quantencomputing für Unternehmensanwendungen genutzt werden – und das wäre dann der Hyperloop des Cloud Computing.


Autor dieses Beitrags ist Chris Kanthan. Chris ist Research Manager in der Cloud BuyerView Group von IDC und befasst sich mit der Beobachtung des Marktes für Cloud Computing, um Einblicke in Technologietrends, Kundenbedürfnisse und Potenziale zu gewinnen. In seiner Rolle als Vordenker liefert Chris Kanthan detaillierte Analysen, Studien und Reports zu Cloud Computing, aufstrebenden Technologien wie Künstliche Intelligenz und zur Marktentwicklung.

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