DevOps braucht eine Vision

von Katja Schmalen

Die Veränderung in der IT-Organisation ist nicht selten schwieriger als die Einführung neuer Technologien, Lösungen und Services. Wir haben uns mit Dr. Christoph Ehlers, Principle Software Engineer bei Consol zum Thema DevOps ausgetauscht.

IDC: Welche Aspekte sind innerhalb des Themas DevOps aus Ihrer Perspektive in diesem Jahr besonders spannend?

Dr. Christoph Ehlers: Das moderne Operations muss agiler werden. Gleich mehrere Aspekte sorgen dafür, dass der Druck für Veränderung gerade dort sehr stark ist. Einerseits sind agile Entwicklungsmethoden in der Softwareentwicklung inzwischen Industriestandard. CI/CD-Pipelines sorgen für einen hohen Grad der Automatisierung. In Kombination führt dies zu immer kürzeren Release-Zyklen, die den Betrieb dazu zwingen, aus alten Mustern auszubrechen. Andererseits setzen sich die Cloud- und Container-Technologien immer mehr durch. Anwendungen werden als Service angeboten statt als ausgeliefertes Produkt. Dadurch gehört der Betrieb plötzlich direkt zur Wertschöpfungskette: Denn eine Web-Anwendung hat nur Wert, wenn sie läuft. Zusätzlich führen moderne Ansätze wie Infrastructure as Code und GitOps dazu, dass sich die Arbeit von Development und Operations immer weiter annähert.

Eine der Kernideen von agiler Softwareentwicklung ist, dass Software von einem crossfunktionalen Team entwickelt werden sollte. Dieses Team besteht aus allen Personen, die nötig sind, um Wert zu generieren – z. B. Experten für das User Interface, die Systemkommunikation, die Domäne und die Persistenz. Wenn eine Anwendung aber nur Wert hat, wenn sie läuft, gehört die Infrastruktur und damit Operations zum crossfunktionalen Team dazu: dem DevOps-Team. Agilität weiter gedacht führt zu DevOps!

IDC: Wie sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach vorgehen, um die Business Transformation mit Hilfe von agiler IT und cloudbasierten Anwendungen zu verbessern?

Ehlers: Voraussetzung für erfolgreiches DevOps ist ein gemeinsames Zielbild – eine DevOps-Vision – in Abstimmung mit dem Management, dem Fachbereich sowie Development und Operations. Definierte Zwischenschritte können dabei helfen dieses Zielbild  zu erreichen. Die Softwareentwicklung ist oft bereits agil – z. B. nach Scrum oder Kanban. Planung und Budgetierung jedoch werden weiter nach klassischen Vorgehensweisen durchgeführt. Hier ist es zentral, Freiheit für die Selbstorganisation zu geben. Dazu gehört eine eigene Budget-Verantwortung.

IDC: An welchen Fehlern scheitern Ihrer Erfahrung nach DevOps-Initiativen immer noch und warum?

Ehlers: Bei der Einführung von DevOps gibt es eine Reihe von Herausforderungen. Zuallererst muss die Unternehmenskultur offen sein für neu eingeführte Technologien und Kooperationsmodelle. Das Management muss verbindlich und transparent Unterstützung leisten bei der Einführungsentscheidung und, ganz wichtig, auch im Verlauf des Projekts – d. h., die „Management Attention“ muss da sein. Die Fähigkeiten der Mitarbeiter müssen aufgebaut werden. Oft wird hier der Aufwand unterschätzt, fehlende Skills aufzubauen und anschließend produktiv einzusetzen. Auch die Komplexität der Anwendung sollte beachtet werden. Je komplexer eine Software, desto schwieriger ist die Einführung von DevOps. Zusätzlich sollte beachtet werden, dass die Integration von Legacy-Anwendungen sehr zeit- und kostenintensiv sein kann. Eine wichtige Rolle spielt auch die Auswahl der geeigneten Werkzeuge unter Berücksichtigung von Anforderungen, Abläufen und Infrastruktur: Gibt es spezielle Anforderungen an die Security? Nutzt die Infrastruktur die Public Cloud oder die Private Cloud? Weiter sind das Verständnis der Business-Prozesse der Anwendung und die adäquate Testabdeckung dieser Business-Prozesse mit automatisierten Tests in der CI/CD-Pipeline zentral für die Qualitätssicherung im automatischen Lieferprozess und damit das Vertrauen in die Software. Sehr zu empfehlen sind die beiden OpenSource-Bibliotheken Citrus Framework und Sakuli.

IDC: Wie finden Firmen die richtige Lösung für ihre Modernisierungsprojekte und Initiativen? Worauf müssen sie achten?

Ehlers: Vor dem Projektstart sollte eine klare Bestandsaufnahme der Ist-Situation erfolgen. An dieser Stelle darf der Einsatz von DevOps durchaus auf seine Vor- und Nachteile geprüft werden. DevOps ist schließlich kein Allheilmittel. Die Projektwerkzeuge und der initiale DevOps-Technologie-Stack sollten definiert werden. Daraus abgeleitet sollte der Schulungsbedarf der Mitarbeiter analysiert werden. Ein schlagkräftiges Kernteam sollte zusammengestellt werden, das den Nukleus des zukünftigen DevOps-Teams bildet. Für das Team sollte ein Zusammenarbeitsmodell festgelegt werden. Zudem sollten die Dokumentation und vor allem Kommunikation der Ergebnisse nicht vergessen werden.

IDC: Die Veränderung in der IT-Organisation ist nicht selten schwieriger als die Einführung neuer Technologien, Lösungen und Services. Welchen Rat geben Sie Entscheidern zur Optimierung der Anwendungsmodernisierung und des Anwendungsbetriebs?

Ehlers: In der klassischen Aufteilung gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen Development und Operations. Das Development ist fokussiert auf die Anwendung und will Veränderung, Features, Innovation, Agilität und geringe Time-to-Market. Operations dagegen hat den Fokus auf der Infrastruktur und will Stabilität, Verfügbarkeit, Performance und Standardisierung. Durch die Trennung haben die beiden Parteien einen Zielkonflikt: Veränderung vs. Stabilität. Dabei verfolgen beide dasselbe übergeordnete Ziel: die Zufriedenheit des Kunden. Und der Kunde will beides! Beim Release erfolgt in der klassischen Welt der Verantwortungsübergang über die „Wall of Confusion“. Diese Mauer zwischen Development und Operations muss eingerissen werden. Der Weg dahin ist die Einführung von echten crossfunktionalen Teams unter Einbindung von Development und Operations – am besten alle in einem Raum. Durch die gemeinsame Verantwortung für die Software, die enge Abstimmung im Team und die kurzen Kommunikationswege lässt sich der Zielkonflikt auflösen.

IDC: Wir sagen “Dankeschön” für das interessante Gespräch, Herr Dr. Ehlers!

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